Chatelain rät: Warum sich schummeln nicht lohnt

Frage: Von einer Versicherung werden mir 45000 Franken ausbezahlt. Nun habe ich ein Papier zur Unterschrift erhalten. Darauf muss ich angeben, ob die Versicherung die Kapitalauszahlung dem Steueramt melden darf. Andernfalls würde mir vom ausbezahlten Betrag eine Verrechnungssteuer von 8 Prozent in Abzug gebracht. Was soll das eigentlich? Was raten Sie? S. S., via E-Mail

«Was soll das eigentlich?», fragen Sie. Das ist eine berechtigte Frage. Man dürfte eigentlich annehmen, die Versicherung meldet die Kapitalauszahlung dem Steueramt. Punkt.

Aber nein. Es könnte ja sein, Sie möchten den Gewinn am Fiskus vorbeischleusen. Da wäre eine Notiz an den Steuervogt höchst unangenehm. Kein Problem, sagt sich der Versicherer und hüllt sich in den Mantel des Schweigens. Laut Gesetz ist er dazu sogar gezwungen.

 

Artikel 19 im Verrechnungssteuergesetz: «Der Versicherer hat seine Steuerpflicht durch Meldung der steuerbaren Versicherungsleistung zu erfüllen, sofern nicht vor Ausrichtung der Leistung der Versicherungsnehmer (...) bei ihm schriftlich Einspruch gegen die Meldung erhoben hat.» Sie als Versicherungskunde können also frei entscheiden, ob eine Meldung ans Steueramt gemacht werden soll oder nicht.

 

Allerdings machen Sie ein schlechtes Geschäft, wenn Sie den Gewinn nicht deklarieren. Wenn Sie - zum Beispiel - 35000 Franken Prämien zahlten und 45000 Franken ausbezahlt erhalten, so müssen Sie 10000 Franken als Einkommen versteuern. Wenn nun auf Ihren Wunsch keine Meldung ans Steueramt erfolgt, werden auf der Kapitalleistung von 45000 Franken 8 Prozent Verrechnungssteuer abgezogen. Das sind 3600 Franken.

 

Wenn Sie aber die 10000 Franken als Einkommen versteuern, wird Sie das weniger als 3600 Franken kosten. Ich empfehle Ihnen, die Meldung ans Steueramt zu veranlassen und den Gewinn ordentlich als Einkommen zu versteuern.

 

Aus ethischen, moralischen und rechtlichen Gründen ist die Hinterziehung von Steuern nie zu empfehlen. Im vorliegenden Fall ist die Steuerhinterziehung auch aus wirtschaftlichen Gründen unklug.

 

Erschienen im BLICK am 14. Juli 2007

Claude Chatelain