Diese Leibrenten sollten zu denken geben

Ältere Menschen denken an die Erben und kaufen deshalb fast nur Leibrenten mit einer sogenannten Rückgewähr. Das heisst, dass die Nachkommen nach dem Tod des Versicherten Geld zurückbekommen. Für die Versicherten hat diese Lösung allerdings viele Nachteile: Die Rente ist tiefer, und es werden Stempel- und Vermögenssteuern fällig.

Nennen wir ihn Hans Bütikofer. Er kaufte mit 65 Jahren bei der Swiss Life eine sofort beginnende Leibrentenversicherung mit Rückgewähr. Dafür bezahlte er 300 000 Franken. Als Gegenleistung erhält er lebenslänglich eine Rente von 15 816 Franken, wovon 14 154 Franken garantiert sind. Nach fünf Jahren kommt Bütikofer jedoch zum Schluss, dass er eigentlich lieber das Kapital als eine Rente hätte. Er kauft die Police zurück. Nach Abzug der bezahlten Renten und anderer Kosten erhält Hans Bütikofer von Swiss Life noch 211 382 Franken ausbezahlt. Ist Bütikofer bei diesem Geschäft noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen?

 

Leider nicht. Denn auch der Fiskus will an dieser Transaktion verdienen. 40 Prozent der Rückkaufssumme werden zusammen mit dem übrigen Einkommen zum Rentensatz besteuert. Das heisst zu jenem Steuersatz, der sich ergeben würde, wenn 40 Prozent der Rente jährlich mit dem übrigen Einkommen versteuert würden.

 

Der Policenkäufer in der Steuerfalle

 

Angenommen, der verwitwete Vater Hans Bütikofer komme auf ein steuerbares Einkommen von 100 000 Franken, wohne in der Stadt Bern und zahle dort 25 800 Franken Steuern. Wenn er die Rente zurückkauft, erhöht sich die Steuerbelastung auf 47 700 Franken - ein Plus von knapp 22 000 Franken. Dabei sind die 300 000 Franken, die in die Leibrente geflossen sind, bereits einmal als Einkommen versteuert worden: also ein denkbar schlechtes Geschäft. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass in den kommenden Jahren die Besteuerung der Rente wegfällt.

 

Dafür schlägt der Fiskus anderweitig zu. Denn bei den Leibrenten muss nicht nur der Rückkauf versteuert werden, sondern auch die Auszahlung des Rückgewährkapitals. Die Erben sollen ebenfalls etwas von einer Leibrente haben, sagen sich viele Versicherte: Sie schliessen eine Police mit Rückgewähr ab und nehmen eine tiefere Rente in Kauf. Angesichts der Rücksichtnahme auf die Erben geht aber das Problem der Besteuerung des Rückgewährkapitals vergessen.

 

Bis vor Kurzem wurde die Rückgewährsumme in einigen Kantonen als Erbschaft und in anderen als Einkommen der Erben betrachtet. In den Kantonen, wo die Erbschaftssteuer zum Zuge kommt, konnten sich die Erben in vielen Fällen glücklich schätzen: Die Auszahlung war oft steuerfrei, da direkte Nachkommen in zahlreichen Kantonen von der Erbschaftssteuer befreit sind. Doch seit einem Bundesgerichtsentscheid vom Juni 2005 und der darauf folgenden Empfehlung der Schweizerischen Steuerkonferenz erfolgt die Besteuerung der Rückgewährsumme einheitlich: 40 Prozent der Rückgewährsumme, die im Todesfall an die Erben ausbezahlt wird, unterliegen dem Vorsorgetarif, wie er auch bei der Auszahlung von Kapital aus der Pensionskasse oder der Säule 3a angewandt wird. Die restlichen 60 Prozent unterliegen der Erbschaftssteuer, was wiederum heisst, dass je nach Kanton und Verwandtschaftsgrad zumindest 60 Prozent der Rückgewährsumme steuerfrei sind.

 

Ein Geschäft, das mehrere Nachteile hat

 

Doch damit ist der Ärger mit den Steuern noch nicht vorbei. Bei einer Police ohne Rückgewähr zahlt man nämlich auch keine Vermögenssteuer, während in rund der Hälfte der Kantone der Rückkaufswert einer Leibrente mit Rückgewähr als Vermögen zu versteuern ist. Und schliesslich ist beim Kauf einer Leibrente mit Rückgewähr eine Stempelsteuer von 2,5 Prozent zu bezahlen, sofern die Rente mit einer einmaligen Prämie bezahlt wird. Bei der Leibrente ohne Rückgewähr fällt diese Steuer weg.

 

Bütikofer hat also gleich in mehrfacher Hinsicht ein schlechtes Geschäft abgeschlossen. Mit einer Leibrente ohne Rückgewähr hätte er mehr Rente bekommen und weder Stempel- noch Vermögenssteuer abliefern müssen.

 

Die Versicherer fürchten Streitereien mit den Erben

 

Doch Bütikofer ist kein Einzelfall. Denn die Schweizer schliessen immer noch mehrheitlich Leibrenten mit Rückgewähr ab. «In den letzten drei Jahren wurde bei Swiss Life keine einzige sofort beginnende Leibrentenversicherung abgeschlossen, bei der die Rückgewähr ausgeschlossen war», erklärt Frank Keidel, Sprecher des grössten Anbieters Swiss Life. Bei der Helvetia haben diese Policen einen Anteil von 14 Prozent. Und wer bei der Winterthur eine Leibrente ohne Rückgewähr abschliesst, muss schriftlich bestätigen, «dass er sich bewusst ist, dass im Todesfall keine Leistungen fällig werden».

 

Die Winterthur will so ausschliessen, dass Missverständnisse aufkommen. Schliesst nämlich eine ältere Person eine Rentenversicherung ohne Rückgewähr ab, melden sich nach dem Tod nicht selten Erben zu Wort. Das zieht viele Diskussionen nach sich und im schlimmsten Fall einen Rechtsstreit. Das wollen die Versicherer vermeiden.

 

Glossar

Leibrentenversicherung: Der Policeninhaber zahlt der Versicherung eine Prämie und erhält lebenslänglich eine Rente. Die Versicherung kann periodisch, das heisst mit regelmässigen Überweisungen, oder auf einen Schlag mit einer Einmalprämie finanziert werden.

 

Sofort beginnende Rentenversicherung: Die Rentenzahlungen beginnen bei dieser Variante der Leibrentenversicherung gleich nach der Einzahlung der Einmalprämie.

 

Rückgewähr: Eine Rentenversicherung kann mit oder ohne Rückgewähr abgeschlossen werden. Bei Rückgewähr wird beim Tod das Rückgewährkapital an die begünstigte Person ausbezahlt. Das Rückgewährkapital setzt sich aus den Einzahlungen des Versicherungsnehmers abzüglich bereits geleisteter Renten und des Kostenteils zusammen.

 

Rückkaufswert: Versicherungen mit einem Deckungskapital kann man in der Regel zurückkaufen. Der Betrag, den man dafür erhält, ist der Rückkaufswert.

Stempelsteuer: Rentenversicherungen mit Rückgewähr, die mit einer Einmaleinlage finanziert werden, unterliegen seit dem 1. April 1998 einer Stempelsteuer von 2,5 Prozent der Prämiensumme.

 

Erschienen im CASH am 16. Mai 2007

Claude Chatelain