Chatelain rät: Verkaufen, warten, neu kaufen

Das Märchen vom Fischer und seiner Frau.
Das Märchen vom Fischer und seiner Frau.

Frage: Sie hatten wiederholt empfohlen, Aktien zu verkaufen. Leider fehlte jeweils der Ratschlag, wie denn der Erlös anzulegen sei. Das Sparkonto kann es ja wohl bei den lausigen Zinsen auch nicht sein. D. S., Thalwil ZH

Erinnern Sie sich an die Jahre 2000 bis 2003? Im Juli 1998 erreichte der Swiss Market Index (SMI) 8412 Punkte. Fünf Jahre später, im März 2003, zählte das gleiche Börsenbarometer nur noch 3618 Punkte - 57 Prozent weniger.

 

Betrachten wir folgende Szenarien: Sie bleiben in Aktien investiert. Vielleicht wird der SMI von derzeit 9500 Punkten um weitere 10 Prozent auf 10450 Punkte steigen. Bravo: Sie erzielten phantastische Buchgewinne. Dann aber zeigt sich die Börse von ihrer hässlichen Seite: Sie bricht ein. Es müssen ja nicht gerade 57 Prozent sein, vielleicht «bloss» 30 Prozent. Das heisst, der SMI fiele auf 7315 Punkte. Nichtsdestotrotz: Ihre Buchgewinne schmelzen dahin.

 

Vielversprechender ist die zweite Variante: Sie verkaufen heute die Aktien bei einem am SMI gemessenen Kursniveau von 9500 Punkten und lassen das Geld auf dem spärlich verzinsten Konto. Der SMI steigt weiter an und saust dann, wie oben skizziert auf 7315 Punkte. Das heisst: Sie werden die Aktien, die Sie heute verkaufen, im Schnitt um 23 Prozent günstiger kaufen können.

 

Natürlich weiss ich auch nicht, wann die nächste Baisse einsetzen und wie stark sie ausfallen wird. Ich weiss auch nicht, ob der nächste Kursrutsch bloss eine vorübergehende Korrektur oder eine langwierige Baisse sein wird. Ich weiss aber, dass die Aktienkurse seit über vier Jahren am Steigen sind, was über dem Durchschnitt liegt. Im vergangenen Jahr stieg der SMI um 16 Prozent; und seit Anfang 2007 legte er um weitere 7 Prozent zu. Wer damit noch nicht zufrieden ist, sei ans Brüder-Grimm-Märchen vom «Fischer und seiner Frau» erinnert:

 

«Manntje, Manntje, Timpe Tee,

Buttje, Buttje in der See

Meine Frau die Ilsebill,

Will nicht so, wie ich wohl will»

 

So klagte der Fischer dem Butt, der ein verwunschener Prinz war. Der Butt erfüllte der Frau jeden Wunsch. Sie war aber nie zufrieden und wollte noch mehr, bis es dem verzauberten Fisch zu bunt wurde. Worauf die nimmersatte Ilsebill alles verlor.

 

Erschienen im BLICK am 5. Mai 2007

Claude Chatelain