Chatelain rät: Schweizer sind zu gut versichert

Ein Leser hat mir seine Unterlagen geschickt mit der Bitte, ich soll sein Versicherungsportefeuille durchforsten. Ich solle ihm sagen, welche Versicherungen unnötig seien. So viel vorweg: Ob eine Versicherung unnötig ist, ist keine rationale Frage. Viele fühlen sich besser, gegen dies und das versichert zu sein, auch wenn es sich nicht rechnet.

Ein Dampfer ist in Seenot geraten. Doch die Passagiere weigerten sich, die Rettungsboote zu besteigen. Dann schritt der Kapitän zu ihnen und vermochte alle Nationalitäten davon zu überzeugen, sich in die Schlauchboote zu retten. Wie hat er das auch nur geschafft? Den Japanern sagte er, das mache sie stark; den Engländern, das sei sportlich; den Deutschen, das sei ein Befehl; den Italienern, das sei verboten und den Schweizern beteuerte er, sie seien versichert.

 

Über 7000 Franken wird in der Schweiz jährlich an Versicherungsprämien bezahlt. Soviel wie nirgends sonst. Die Schweiz ist Weltmeister. In Grossbritannien, dem Vizeweltmeister, liegen die Pro-Kopf-Ausgaben bei 5033 Franken, fast um einen Drittel tiefer. Die Deutschen, auch hier nicht Weltmeister, geben für Versicherungen 2543 Franken aus. Sie liegen im internationalen Vergleich auf dem 13. Rang.

 

Natürlich kann man fast jedes Risiko versichern, wenn man sich dadurch besser fühlt. Objektiv lässt sich nur Folgendes sagen: Unbedingt zu versichern sind jene Ereignisse, die einen ruinieren könnten. Ich denke an Haftpflicht- oder Gebäudeversicherungen.

 

Die Versicherung «Einfacher Diebstahl auswärts» ist aus meiner Sicht nicht notwendig. Und doch haben die meisten Schweizer diese Deckung eingeschlossen. Wer sich besser fühlt, den einfachen Diebstahl auswärts versichert zu haben, soll halt die Prämie zahlen. Dies ist eine emotionale, nicht eine rationale Frage.

 

Völliger Mumpitz sind Versicherungen, die nur eine minimale Deckung haben. Helsana bietet eine Zahnversicherung an, die pro Jahr bis maximal 300 Franken der Kosten übernimmt. Dies ist im besten Fall ein Kostenbeitrag, im schlechteren Fall ein Verlustgeschäft. Es ist wie in der Lotterie: Vielleicht gewinnt man; vielleicht auch nicht.

 

Erschienen im BLICK am 24. März 2007

 

Claude Chatelain