Prügelei ist nicht nur schmerzhaft, sie ist auch teuer

Jugendliche sind nicht krimineller als früher, aber sie schlagen schneller zu. Die Folgen sind für die Opfer schmerzhaft und für die Täter teuer. Die Haftpflicht der Eltern zahlt nicht in jedem Fall.

Auf dem Schulareal in einem Vorort von Bern: Ein Neuntklässler provoziert einen für seine Gemütlichkeit bekannten Kameraden - bis dieser ausrastet. Der Provozierte rammt im Stil eines K1-Kämpfers dem Kollegen das Knie an den Kiefer und setzt mit einer Geraden nach. Das Resultat: Ein Spitalaufenthalt wegen eines gebrochenen Kiefers und drei eingeschlagener Zähne.

 

«Für solche Fälle haben meine Eltern eine Privathaftpflichtversicherung», soll der Schläger gesagt haben. Richtig ist, dass Neuntklässler über die Privathaftpflichtversicherung ihrer Eltern versichert sind. Doch falsch ist, dass die Versicherung immer zahlt. «Ansprüche aus Schäden, deren Eintritt mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartet werden musste oder in Kauf genommen wurde», sind nicht versichert, steht in den allgemeinen Versicherungsbedingungen der Mobiliar. Jürg Erb, Spezialist Spezialschäden bei der Mobiliar, erklärt dazu: «Ein 15-jähriger Jugendlicher weiss, dass ein Faustschlag gegen eine andere Person diese verletzen kann.» Er nehme einen Schaden in Kauf und habe die Folgen selber zu tragen.

 

Für die Deckung ist die Urteilsfähigkeit massgebend

 

Die Schadenexperten der Versicherer betonen jedoch, dass jeder Fall genau analysiert werden muss. Beat Schmidlin von der Bâloise nennt folgendes Ereignis: Einige 12-jährige Knaben spielen Fussball. Einer der Gewinner provoziert einen Verlierer, nennt ihn wiederholt «Loser» und hängt ihm andere Schimpfworte an. Schliesslich reicht es dem Provozierten. Er rennt dem Provokateur nach, packt ihn, sie fallen zu Boden, und der Provokateur bricht sich ein Bein. «Hier wollte der eine Knabe dem anderen nicht das Bein brechen, es ging um einen Denkzettel», urteilt Schmidlin. Die Haftung des Knaben ist aufgrund des jugendlichen Alters und der vorangegangenen Provokationen reduziert. Das heisst, die Privathaftpflicht würde zumindest einen Teil der Kosten übernehmen.

 

Ein anderes Beispiel: 10-jährige Pfadfinder spielen Räuber und Gendarm. Als der «Polizist» den «Räuber» fesseln will, wehrt sich dieser: Er schlägt dem «Polizisten» mit dem Ellbogen unabsichtlich einen Zahn aus. «Das geschah unabsichtlich. Wir würden hier Deckung gewähren», sagt Jürg Erb. Ebenfalls versichert wäre der Drittklässler, der dem Schulkameraden das Bein stellt, worauf dieser so unglücklich stürzt, dass er mit einem Schädelbruch ins Spital muss. Erb: «Der Schadenverursacher nahm zwar in Kauf, dass der andere zu Boden stürzt.» Ein Drittklässler könne aber nicht abschätzen, dass sich sein Kollege eine schwere Verletzung zuzieht.

 

Im Grundsatz gilt deshalb: Je jünger der Schadenverursacher, desto weniger ist er für sein Tun verantwortlich. Massgebend ist die Urteilsfähigkeit. Laut Beat Schmidlin spielen aber auch die körperliche und geistige Entwicklung und die Schulbildung eine Rolle. Aber auch wenn die Urteilsfähigkeit bejaht wird, so heisst das nicht, dass der Junge voll haftet. Häufig wird die Haftung aufgrund des Alters reduziert. Das heisst, der Versicherer zahlt zum Beispiel 60 Prozent des Schadens.

 

Ohnehin kommt bei Schlägereien die Krankenkasse ins Spiel. Sie übernimmt die Spitalkosten und klärt ab, wieweit diese auf andere abgewälzt werden können. «Wenn sich der Sachverhalt so darstellt, dass ein Regress möglich erscheint, wird dies durch die Krankenversicherung erledigt», bestätigt CSS-Sprecher Stephan Michel. Das heisst, dass der Krankenversicherer den Haftpflichtversicherer zur Kasse bittet.

 

Nötigenfalls können Eltern auch betrieben werden

 

Falls dieser die Schadendeckung aus den obigen Gründen ablehnt, geht der Krankenversicherer auf die Eltern des Schlägers los. Und was passiert, wenn diese den Schaden nicht bezahlen können? Michel: «Wenn die Rechtslage eindeutig dafür spricht, dass die Hauptschuld beim Schläger liegt, würden wir allenfalls die Forderung auf dem betreibungsrechtlichen Weg durchsetzen.»

 

Helsana stand schon mal vor diesem Problem: Es ging ebenfalls um eine Schlägerei auf dem Pausenplatz. Das Gebiss eines Jugendlichen nahm Schaden, und die Heilkosten beliefen sich auf verhältnismässig bescheidene 3197 Franken. Der Schläger besass nur 800 Franken, und sein Vater lag mit seinem Einkommen knapp über dem Existenzminimum. «Damit die Familie nicht in eine Notlage gerät, der Verursacher aber trotzdem seine Lehre aus dem Vorfall zieht, kamen wir der Familie entgegen», erklärt Helsana-Sprecher Thomas Lüthi. Der Schläger musste sein Geld hergeben und einen Teil des künftigen Taschengeldes opfern. Schliesslich zahlte er 1045 Franken. Der Rest - 2152 Franken - blieb an der Helsana hängen. «Die Alternative wäre ein langer Rechtsstreit gegen einen allenfalls insolventen Schuldner gewesen», begründet Lüthi.

 

Erschienen im CASH am 8. März 2007

Claude Chatelain