Ging der Bundesrat vor Versicherungen in die Knie?

Der Aktienhausse zum Trotz: Der Bundesrat will die Pensionskassenrenten noch stärker und vor allem noch schneller kürzen.

Jetzt macht der Bundesrat Ernst: Er will den Umwandlungssatz von ehemals 7,2 Prozent nun schon bis 2011 auf 6,4 Prozent senken. Bis anhin hiess das Ziel: 6,8 Prozent bis 2014. Das heisst: Wer fürs Alter 100000 Franken angespart hat und in fünf Jahren in Pension geht, erhält statt 7200 wie ehedem nur noch 6400 Franken Rente pro Jahr. Da stellen sich eine Reihe von Fragen:

 

Die Kürzung des Umwandlungssatzes auf 6,8 Prozent wurde eben erst beschlossen. Weshalb abermals eine Kürzung?

Es gibt dafür keine neuen Gründe. Kaum war die gestaffelte Senkung des Umwandlungssatzes bis ins Jahr 2014 in Kraft, forderte der Versicherungsverband eine noch schärfere und schnellere Senkung.

Ging der Bundesrat vor den Versicherungen in die Knie?

Es macht ganz den Anschein. Ob Mindestzins, Überschussbeteiligung oder Umwandlungssatz, die Versicherungsgesellschaften wirken unermüdlich darauf hin, dass die Leistungen für den Versicherungsnehmer abgebaut werden. Und was die Versicherer in Bundesbern verlangen, dem wird in der Regel entsprochen: Autonome Pensionskassen und Sammelstiftungen können nach eigener Aussage auch mit der derzeitigen Absenkung auf 6,8 Prozent bis 2014 leben.

Wie begründet der Bundesrat die neue Senkung?

Laut Bundesrat Pascal Couchepin versprechen die Finanzmärkte nicht genügend Rendite. Dabei stützt er sich auf die Bundesobligationen, die tatsächlich nur geringe Erträge abwerfen. Ausserdem verwies Couchepin auf die BVG- Expertenkommission. Die hätte einstimmig für die Senkung gestimmt. Colette Nova vom Gewerkschaftsbund und Martin Flügel von Travail Suisse, beide Mitglieder der Kommission, bestreiten dies.

Die Aktienpreise stiegen so hoch wie nie, weshalb spricht Couchepin nur von Bundesobligationen?

Weil die Versicherer eben vor allem in Obligationen investiert haben. Tatsache ist aber, dass Pensionskassen, die nach dem Vorbild des Pictet-BVG-Indexes ein Viertel ihres Vermögens in Aktien investiert haben, in den vergangenen 20 Jahren eine durchschnittliche Rendite von 6,3 Prozent erwirtschafteten.

Ist aufgrund der steigenden Lebenserwartung eine Rentensenkung nicht gerechtfertigt?

Es wird mit unterschiedlichen Lebenserwartungen jongliert: Gemäss der Sterbetafel der Versicherungswirtschaft müsste der Rentenumwandlungssatz sogar unter 6Prozent fallen. Doch die Pensionskasse des Bundespersonals, die Versicherungskasse des Kantons Zürich sowie die Pensionskassen von Novartis, Migros oder Coop haben andere Sterbetafeln. Aufgrund dieser ist eine Kürzung nicht nötig. Traue nur den Statistiken, die du selber gefälscht hast ...

Wieso treten die Versicherer erneut für schlechtere Leistungen in der beruflichen Vorsorge ein?

Wenn die Leistungen der Sozialversicherungen sinken, profitieren die Lebensversicherer an zwei Fronten: In der beruflichen Vorsorge steigen ihre Gewinne, wenn sie weniger Rente auszahlen müssen. Zudem profitieren sie von der Angst der Leute, die 2. Säule könnte nicht reichen. Mit diesem Argument verkaufen sie ihnen nämlich private Lebens- und Rentenversicherungen.

Nächstes Jahr kommt der Vorschlag des Bundesrates vors Parlament: Wirder angenommen werden?

Eher nein. Nicht nur die Linken, auch zahlreiche Bürgerliche sind gegen eine weitere Kürzung. Ausserdem ist 2007 ein Wahljahr. Wenn sich das Parlament doch für eine Senkung entscheidet, dann kaum im vorgegebenen Tempo.

Was bedeutet die Rentenkürzung für die Versicherten?

Im Jahr 2011 beträgt der Umwandlungssatz gemäss geltendem Fahrplan 6,95 Prozent. Auf ein Alterskapital von 100000 Franken sind das 6950 Franken. Bei einem Satz von 6,4 gibt es nur 6400Franken, 8Prozent weniger, gut 10 Prozent weniger als heute.

Erschienen im BLICK am 23. November 2006

Claude Chatelain