Nur für Asketen und Athleten

Die Versicherer lieben solche Leute - und ködern sie mit tiefen Prämien
Die Versicherer lieben solche Leute - und ködern sie mit tiefen Prämien

Konsequente Tabakabstinenz genügt nicht mehr, um bei Todesfallversicherungen den günstigsten Tarif zu erhalten. Neu wird bei der Mobiliar ebenfalls auf den Body-Mass-Index abgestellt.

 

Die genossenschaftlich organisierte Mobiliar-Versicherung mit Hauptsitz Bern liegt im Prämienvergleich für Risikotodesfallversicherungen wieder auf Platz 1. Dies dank dem neuen Tarif «Mobilife Risk Preferred», der auf den 1. November eingeführt wurde. Attraktiv ist das neue Angebot aber nur für Personen, «bei denen keine besonderen Risiken» bestehen. Will heissen: Vom günstigen Tarif profitieren nur Leute ohne Fehl und Tadel.

Die Auserlesenen haben nicht nur seit mindestens drei Jahren eine totale Tabakabstinenz an den Tag zu legen, sie müssen zusätzlich auch einen perfekten Body-Mass-Index (BMI) von unter 25 aufweisen. Sie sollten ferner einer unbedenklichen beruflichen Tätigkeit nachgehen und dürfen keiner gefährlichen Sport- und Freizeitbeschäftigung frönen. Es ist gewissermassen ein Tarif für Asketen und Athleten.

 

Wer die genannten Bedingungen nicht erfüllt, zahlt höhere Prämien. Daher bietet die Mobiliar nun drei Tarife an: einen hohen Tarif für Raucher, einen mittleren für Nichtraucher, die seit einem Jahr dem Nikotingenuss abgeschworen haben, und einen tiefen Tarif für Asketen und Athleten. Somit profitieren Nichtraucher nur noch dann vom tiefsten Tarif, wenn auch andere Voraussetzungen erfüllt sind. Ein Nikotinverachter mit einem BMI von über 25 fällt somit in die mittlere Kategorie. Er wird bei der Vaudoise ein günstigeres Angebot erhalten.

 

Schon 2002 lancierte Mobilife, die damals noch Providentia hiess, unter dem Namen «Provilife Top Fit» ein Produkt für die Fittesten von den Fitten. Es wurde wieder vom Markt genommen. Der Tarif hatte damals den Makel, dass die Kunden erst nach Vertragsabschluss wussten, ob sie in den Genuss des Vorzugstarifs kommen oder nicht.

 

Das Prinzip der Solidarität wird ausgehöhlt

 

Bisher gab es bei den reinen Risikotodesfallversicherungen «nur» unterschiedliche Prämien für Raucher und Nichtraucher. Mit «Mobilife Risk Preferred» geht die Versicherungsgesellschaft mit Berner Domizil noch einen Schritt weiter: Im Fachjargon nennt sich das Risikoselektion. Die Versicherungsnehmer werden in immer kleinere Risikoklassen eingeteilt: So haben dicke Leute ein höheres Risiko, früh zu sterben, als schlanke Menschen. Also zahlen sie auch eine höhere Prämie. Das Prinzip der Solidarität, ein Wesensmerkmal von Versicherungen, wird so aber ausgehöhlt.

 

Die zunehmende Risikoselektion war bislang vor allem in der Erwerbsunfähigkeitsversicherung zu beobachten. Dort gehen die Lebensversicherungsgesellschaften schon seit Jahren dazu über, berufsabhängige Prämien zu verlangen. Und zwar nicht nur in der Kollektiv-, sondern auch in der Einzelversicherung. Das ist gute Nachricht für Notare, eine weniger gute für Büezer.

Selbst in der Unfallversicherung bahnt sich eine verschärfte Risikoselektion an. Dies ist fragwürdig: Die Berufs- und Nichtberufsunfallversicherung ist obligatorisch und erst noch eine Sozialversicherung (siehe CASH vom 9. November 2006).

 

Dass nun auch in der Todesfallversicherung zusätzliche Risikoklassen eingeführt werden, ist die logische Konsequenz. Besonders die Vaudoise wird nun gefordert sein. Sie hat das Geschäft mit den reinen Risikotodesfallversicherungen in letzter Zeit stark forciert. Andere Versicherer werden auf die Offensive der Mobiliar jedoch kaum reagieren. Swiss Life, Winterthur und Bâloise verzichten bis heute auf die Unterscheidung zwischen Rauchern und Nichtrauchern. Aus solidarischen Überlegungen sind Einheitsprämien sicherlich redlich. Weil aber immer weniger Leute zum Glimmstängel greifen, leiden die Versicherer mit Einheitsprämien unter einem Wettbewerbsnachteil. Doch es scheint, dass gewisse Versicherer ohnehin nicht besonders darauf erpicht sind, überhaupt reine Risikoversicherungen zu verkaufen. Es gibt in diesem Bereich nur ganz wenige Verkaufsförderungsmassnahmen, während für die margenträchtigeren Sparversicherungen ständig irgendwelche Aktionen am Laufen sind.

 

Erschienen im CASH am 16. November 2006

Claude Chatelain