Unfälle schmerzen bald noch mehr

Im neuen Jahr gibt es in der Unfallversicherung mehr Wettbewerb. Doch die Prämien sinken nicht. Vielmehr müssen sich Angestellte aus «gefährlichen» Branchen mit höheren Abzügen abfinden.

Die Prämien für die Unfallversicherung werden im kommenden Jahr teurer - zum Teil massiv. Zu spüren bekommen dies die Unternehmen bei der Betriebsunfall- und die Arbeitnehmer bei der Nichtbetriebsunfallversicherung. Deshalb wird ein grosser Teil der erwerbstätigen Bevölkerung ab 2007 höhere Lohnabzüge in Kauf nehmen müssen.

Der Grund dafür sind nicht höhere Unfall- und Invaliditätskosten, sondern die Senkung des technischen Zinses von 3,25 auf 3 Prozent. Seit Einführung des Unfallversicherungsgesetzes (UVG) im Jahre 1984 liegt der technische Zins unverändert bei 3,25 Prozent. Nun hat das Bundesamt für Sozialversicherungen eine leichte Korrektur verordnet. Dies mit der Folge, dass die Unfallversicherer höhere Rückstellungen für später zu zahlende Renten bilden müssen.

Die Versicherungswirtschaft hätte sich dabei gewünscht, dass der Zins noch mehr gesenkt würde. Denn immerhin liegt der technische Zins bei Lebensversicherungen nur bei 2 Prozent. Doch Linke und Gewerkschaften hielten dagegen. Anders als die Lebensversicherung ist die Unfallversicherung eine Sozialversicherung. Da kann die Politik ihren Einfluss noch geltend machen.

Neben dem zinsbedingten Prämienanstieg gibt es ebenfalls einen teuerungsbedingten. Die privaten Unfallversicherer haben sich darauf geeinigt, für die Finanzierung der Teuerungszulagen auf Invaliden-, Witwen- und Waisenrenten einen zeitlich befristeten Prämienzuschlag von 3 Prozent zu erheben. Rund 300 000 Betriebe sind bei privaten Versicherern, ungefähr 100 000 bei der Suva versichert. Die Winterthur, neben der Suva der grösste Unfallversicherer der Schweiz, erhöht die Prämie im Schnitt um 7 Prozent. Doch Winterthur-Sprecher Daniel Cavelty präzisiert, dass über die Hälfte der Kunden von der Prämienerhöhung nicht betroffen ist oder gar von einer Senkung profitiert. Das heisst allerdings, dass die andere Hälfte massiv höhere Prämien zu berappen hat - 15 Prozent und mehr.

Bei anderen Anbietern fällt die Prämienerhöhung weniger krass aus. Bei der Bâloise beträgt der Prämienanstieg im Schnitt 5,1 Prozent, Allianz Suisse erhöht nur im Rahmen des teuerungsbedingten Umlagezuschlages von 3 Prozent, während es bei der Zürich heisst, die Tarife würden nur milde erhöht. Nur 20 Prozent der Kunden seien von der Prämienerhöhung betroffen. Für 80 Prozent gebe es keine Erhöhung oder sogar eine Senkung. Ein konkretes Beispiel der Zürich: Nach den neuen UVG-Tarifen muss eine Kellnerin für ihre Nichtberufs-unfallversicherung monatlich etwa 10 Franken mehr zahlen. Ein Bankangestellter hingegen 11 Franken weniger.

Der schärfere Wettbewerb führt zu einer Umverteilung

In der Unfallversicherung steigt also nicht nur das Prämienvolumen, sondern es gibt auch eine stärkere Umverteilung zwischen den verschiedenen Berufen. Dies ist eine Folge des schärferen Wettbewerbs, der ab dem nächsten Jahr herrschen wird. Bislang hielten sich nämlich die Unfallversicherer an die Nettoprämienempfehlung des Schweizerischen Versicherungsverbandes (SVV). Die Nettoprämie ist der Betrag, der allein zur Deckung des Unfallrisikos zu bezahlen ist. Die Bruttoprämie ergibt sich, wenn auch die Vertriebs- und Verwaltungskosten mitberechnet werden. Der Wettbewerb der Unfallversicherer fand also allein im Bereich der Vertriebs- und Verwaltungskosten statt.

Jeder Versicherer wird eigene Risikogruppen definieren

Ab 2007 ist nun alles anders: Der SVV darf gemäss dem revidierten Kartellgesetz keine Nettotarifempfehlung mehr abgeben. Die einzelnen Versicherungen müssen somit die Risikoberechnung aufgrund ihrer Erfahrungsdaten selber vornehmen. Für die Kunden hat dies einschneidende Folgen. Denn im bisher publizierten Nettoprämientarif gab es rund 50 Risikogruppen, die für jeden Versicherer identisch waren.

Mit der erweiterten Liberalisierung wird jeder Versicherer die Risikogruppen selber definieren. Die Folge davon: Branchen mit einem höheren Unfallrisiko wie zum Beispiel die Gastronomie werden höhere Prämien bezahlen müssen; wo es weniger Unfälle gibt, etwa bei Bankangestellten, kann gar mit sinkenden Prämien gerechnet werden. Dieser Trend ist im Versicherungsbereich nicht neu. Neu ist aber, dass die Prämienschere nun offensichtlich auch in gewissen Bereichen der Sozialversicherungen aufgeht.

 

UVG: Die Geschichte

Vor 1984: Kein allgemeines Obligatorium. Gewisse Industriezweige mussten für ihre Arbeiter eine Unfallversicherung abschliessen, andere nicht. Für die obligatorisch Versicherten war die Suva, für die freiwillig Versicherten waren die privaten Unfallversicherer zuständig.

1984: Das UVG tritt in Kraft. Neu müssen die Arbeitnehmer aller Branchen gegen Unfall versichert sein. Das Geschäft wird zwischen der Suva und den privaten Versicherern aufgeteilt. Wer sich bei der Suva und wer sich bei einem privaten Versicherer versichern muss, steht im Gesetz. Die Prämien sind vom Versicherungsverband vorgegeben.

1996: Das Kartellgesetz tritt in Kraft. Es verlangt eine leichte Liberalisierung. Fortan ist nur noch die Nettoprämie einheitlich - also die Prämie für die Deckung des Risikos. Die Bruttoprämie, die neben den Risikokosten auch die Kosten für Verwaltung und Vertrieb enthält, variiert nun von Anbieter zu Anbieter. Damit findet der Preiswettbewerb allein bei den Vertriebs- und Verwaltungskosten statt.

2007: Aufgrund des revidierten Kartellgesetzes sind Absprachen auch bei den Nettoprämien nicht mehr zulässig. Die Versicherer berechnen die Risiken selbstständig. Ein verschärfter Preiswettbewerb ist die Folge.

Erschienen im CASH am 9. November 2006


Claude Chatelain