Help Point: Leibrenten sind wenig rentabel

Frage: Meinem Schwiegervater, einem 65-jährigem Witwer, werden aus einer Kapitalversicherung demnächst rund 220'000 Franken ausbezahlt. Der Versicherungsvertreter hat sich bereits bei ihm gemeldet. Er hat ihm eine Leibrente empfohlen. Meine Frau und ich sind jedoch skeptisch. Wir haben ihm geraten, das Geld lieber zu verbrauchen. Wie denken Sie darüber? A. B. in E.

Leibrenten sind komfortabel, aber nicht besonders rentabel. Ein 65-jähriger Mann kann bei einer Einmaleinlage von 220'000 Franken mit einer Jahresrente von gut 11 800 Franken rechnen. Das sind nicht ganz 1000 Franken pro Monat. Diese Rente müsste Ihr Schwiegervater als Einkommen versteuern, wenn auch nur zu 40 Prozent.

Nun könnte aber Ihr Schwiegervater das Geld auf einem Sparkonto parkieren und monatlich 1000 Franken abheben. Die 1000 Franken müsste er im Unterschied zur Leibrente nicht versteuern. Selbst wenn er die 220'000 Franken zinslos anlegt, könnte er davon 18 Jahre lang zehren. Das Geld wäre erst mit Alter 83 verpufft. Würde die Summe zu einem bescheidenen Satz von 1,5 Prozent verzinst, reichte das Kapital sogar 21 Jahre, bis Alter 86. Sie haben durchaus recht: Mit einem kontinuierlichen Vermögensverzehr würde Ihr Schwiegervater finanziell besser dastehen als mit einer Leibrente der Versicherung.

Und doch ist dem Vater Ihrer Frau mit einer Leibrente womöglich besser gedient. Nicht die Rendite zählt, sondern das Wohlbefinden. Ältere Menschen tun sich häufig schwer damit, ihr Erspartes anzutasten. Es tut ihnen weh, zuzusehen, wie das Vermögen nach und nach dahinschmilzt. Häufig haben sie Existenzängste. Solche Ängste mögen zwar von aussen betrachtet unbegründet sein, doch Menschen verändern sich im Alter. Allein mit Renditeberechnungen ist ihnen dann nicht gedient - sie wollen Sicherheit haben. Daher nochmals: Leibrenten sind nicht rentabel, dafür komfortabel.

Erschienen im CASH am 9. November 2006

Claude Chatelain