Auch in Fonds lauern Überraschungen

Wer Genaues über den Anlagefonds wissen wolle, müsse den Prospekt lesen, sagen Emittenten. Doch was im Fondsprospekt über die Anlagepolitik steht, ist von der Realität oft weit entfernt.

Credit Suisse Equity Fund Swiss Blue Chips: Jeder Anleger kann sich darunter etwas Konkretes vorstellen. Nämlich einen Fonds, der in grosskapitalisierte Schweizer Aktien investiert. Wer also für 10'000 Franken Fondsanteile erwirbt, geht guten Glaubens davon aus, dass mit dem Geld auch Schweizer Bluechips wie Nestlé, Novartis, UBS oder Roche gekauft werden.

Doch die Investoren hätten wenig Freude, wenn der Manager des Aktienfonds mit einem Drittel des Vermögens Obligationen kaufen würde. Das ist theoretisch möglich. Denn laut Fondsprospekt müssen nur 66 Prozent des Volumens dieses Bluechips-Fonds in Schweizer Aktien investiert werden, und dies erst noch nach Abzug der flüssigen Mittel. Das übrige Drittel kann in verschiedene Anlagen investiert werden, zum Beispiel in Obligationen.

Diese nicht ganz unwichtige Information sucht man auf dem Factsheet vergebens. Luca Diener, Head Product Development & Management bei der CS Asset Management, erklärt: «Die detaillierte Positionierung des Produktes wird in Informationsveranstaltungen und über Marketingprogramme kommuniziert.»

Da stellt sich somit die Frage, weshalb im Prospekt etwas anderes steht, als man an Informationsveranstaltungen kommuniziert. Was nämlich im Prospekt unter dem Titel «Anlageziel und Anlagepolitik» zu lesen steht, ist offensichtlich weit von der Anlagepolitik entfernt. Luca Diener erläutert dazu: «Wir wollen den vom Gesetz vorgegebenen Spielraum nicht einschränken und halten uns an die vom Schweizerischen Anlagefondsverband definierten Musterdokumente.»

Ähnlich die UBS: «Der Prospekt ist sehr weit gefasst. Er lässt viele Möglichkeiten zu, von denen wir nur eingeschränkt Gebrauch machen», erklärt Uwe Röhrig von der UBS Global Asset Management. Damit nehmen Credit Suisse und UBS in Kauf, im Prospekt etwas zu definieren, was in der Realität kaum je eintrifft. Luca Diener begründet das mit dem Umstand, dass es sehr aufwändig sei, Reglemente und Prospekte abzuändern. «Wir wollen das Reglement so gestalten, dass Änderungen möglichst vermieden werden und rasch auf geänderte Marktbedingungen reagiert werden kann.»

Swisscanto beweist, dass es auch transparenter geht

Das will auch die Swisscanto. Und doch müssen bei der Fondsgesellschaft der Kantonalbanken die Aktienfonds laut Prospekt zu mindestens 80 Prozent in Aktien investiert sein, und zwar vor Abzug der flüssigen Mittel. «Wir wollen im Prospekt die Realität möglichst genau abbilden, ohne uns den von der Aufsichtsbehörde erlaubten Spielraum unnötig einzuengen», sagt Markus Wirth, Leiter Produkte bei der Swisscanto. «Wenn der Kunde einen Aktienfonds für Europa will, so soll er einen Aktienfonds Europa erhalten.» Er sieht daher keinen Anlass, im Prospekt die Möglichkeit offenzulassen, einen Drittel des Fondsvolumens in Obligationen zu investieren.

Der auf Transparenz bedachte Anlagefondsverband (SFA) hat Verständnis für das Vorgehen der Fondsgesellschaften, obgleich der Prospekt das Postulat einer transparenten Anlagepolitik kaum zu erfüllen vermag. «Der Prospekt ist vor allem ein juristisches Dokument, um sich gegen alle möglichen Eventualitäten abzusichern», meint SFA-Geschäftsführer Matthäus Den Otter. Präzisere Informationen über die Anlagepolitik seien im Factsheet sowie im Halbjahres- und Jahresbericht zu finden.

Diese Aussage steht im Gegensatz zur landläufigen Meinung, das Factsheet enthalte nur rudimentäre Angaben. Wer exakte Angaben über den Fonds erfahren wolle, müsse den Prospekt lesen, heisst es seitens der Fondsrepräsentanten jeweils.

Die wahre Anlagepolitik ist nicht für die Öffentlichkeit

Selbst wer all die Dokumente vom Prospekt über die Halbsjahres- und Jahresberichte bis zum Factsheet durchackert, wird aber die wichtigsten Informationen nicht erhalten. Diese sind nämlich nur in den Internal Investment Guidelines (IIG) zu finden. Dort steht geschrieben, wie hoch der Aktienanteil mindestens sein muss und wie weit der Fondsmanager mit seinen Anlagen vom Vergleichsindex abweichen darf.

Würde das Postulat der Transparenz ernst genommen, müssten die Fondsbetreiber die IIG veröffentlichen. Doch die IIG sind, was der Name sagt: interne Richtlinien, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

 

 

 

Den Index schlagen

Ein Fondsmanager hat grundsätzlich zwei Vorgehensweisen, um den Vergleichsindex zu schlagen: Entweder pflückt er anscheinend vielversprechende Aktien heraus (Stockpicking) oder nützt er Schwächephasen an der Börse aus (Markettiming). Aktienfonds setzen meist auf das Stockpicking, vor allem wenn im Factsheet nichts anderes geschrieben steht.

Stockpicking heisst auch, dass die Fonds fast voll investiert sind. Der Fondsmanager hält nur einen kleinen Teil des Kapitals in bar (bis 5 Prozent), um in schwachen Marktphasen Aktien

zu kaufen. Wenn Anlagefonds gezielt Marktschwächen abwarten und zwischendurch einen hohen Anteil Bargeld halten, ist dies oft deklariert. Beispielsweise haben bei der UBS solche Produkte den Zusatz «Opportunity». Ein anderes Beispiel ist der Arvest Global Stars Fund. «Um die Investoren vor grösseren Kursverlusten zu schützen, kann vorübergehend maximal das ganze Vermögen in flüssigen Mitteln gehalten werden. Solche Phasen können einige Monate dauern», steht im Fondsprospekt.

 

Erschienen im CASH am 14. September 2006


Claude Chatelain