Chatelain rät: Verkaufe alle Aktien - was jetzt?

FRAGE: Ich bin 60-jährig und verkaufe alle meine Aktien. Vier Gründe: Unter dem Strich mache ich Gewinn, die Schweizer Börse notiert auf Rekordhöhe, die Aussichten sind wegen Ölpreis, Wirtschaft und Vogelgrippe unklar, und in fünf Jahren brauche ich das Geld als Alterskapital. Gibt es ein Anlageprodukt, das zwischen Kassenobli und Aktien liegt? Der Zins sollte höher sein als bei Kassenoblis und die Sicherheit (fast) gleich gross. H. H., via E-Mail

Bravo. Sie wollen die Aktiengewinne ins Trockene bringen und werden sich nicht grämen, sollten die Kurse weiter in die Höhe klettern. Sie wissen: Je höher die Aktienkurse, desto grösser die Absturzgefahr. Sie wollen ruhig schlafen. Sie wollen bei einer allfälligen grösseren Korrektur nicht lange Jahre eine Durststrecke durchstehen, wie das jüngere Semester tun können. In fünf Jahren brauchen Sie das Geld. So viel zum leichteren Part meiner Antwort.

Der schwierigere Teil: Was bringt mehr Rendite als Kassenobligationen, ist aber nicht so risikoreich wie Aktien? Die Antwort: gewöhnliche Anleihen. Allerdings geht das nicht ganz risikolos. Bundesobligationen, die in fünf Jahren ablaufen, rentieren gerade mal 2,3 Prozent, also noch weniger als Kassenoblis. Bei der Migrosbank erhalten Sie für eine fünfjährige Kassenobli 2,5 Prozent. Sie müssten also eine Obligation kaufen, dessen Schuldner nicht die höchste Bonitätsnote erhält. Eine Anleihe von Holcim beispielsweise, die in sechs Jahren abläuft, rentiert knapp 3 Prozent. Eine Valora-Anleihe mit der gleichen Laufzeit wird vom Markt mit einer Rendite von 3,3 Prozent noch etwas risikoreicher eingestuft. Je höher die Rendite, desto grösser das Risiko, dass der Schuldner nicht in der Lage sein wird, am Ende der Laufzeit die Anleihe zurückzuzahlen. Doch wenn Sie davon ausgehen, dass Valora mit all ihren Kiosken in den kommenden Jahren kaum zahlungsunfähig wird, ist das Ausfallrisiko der entsprechenden Anleihe beschränkt. So oder so werden Sie nicht das ganze Vermögen in eine einzige Anleihe stecken.

 

Und überhaupt: Sie brauchen ja in fünf Jahren nicht das ganze Geld als Alterskapital. Was halten Sie davon, nicht ganz alle Aktien zu verkaufen, stattdessen vielleicht nur 90 Prozent Ihres Aktienbestandes?

 

Erschienen im BLICK am 13. September 2006

Claude Chatelain