Chatelain rät: Holen Sie mehrere Offerten ein

Frage: Sie hatten kürzlich empfohlen, die Hypothek bei einer Versicherungsgesellschaft abzuschliessen. Das sei günstiger. Die Hypotheken der Versicherungen sind doch nur deshalb günstiger, weil die Versicherer gleichzeitig eine Lebensversicherung abschliessen können. Mir wurde gesagt, die Versicherer vergäben nur an eigene Kunden Hypotheken. L. I., via E-Mail

Selbstverständlich wird die Versicherungsgesellschaft es nicht unversucht lassen, Ihnen eine Lebensversicherung zu verkaufen. Doch Gegengeschäfte sind heute keine Bedingung mehr. Ich habe bei den grossen Lebensversicherern nachgefragt: Alle sagten, Gegengeschäfte seien für die Hypothekarvergabe keine Bedingung. «Wir vergeben sehr oft Hypotheken an Nichtversicherungskunden», versicherte Allianz-Suisse-Sprecher. Versicherungskunden hätten allenfalls eine Chance auf Vorzugszinsen.

 

Früher war das noch anders. Da wurden Hypotheken eher als Köder benutzt, um dem Kunden gleichzeitig Lebensversicherungen schmackhaft zu machen. Doch heute ist die Finanzabteilung einer Lebensversicherungsgesellschaft daran interessiert, mit Hypotheken das Anlageportefeuille zu optimieren. Sie erhalten mit Hypotheken einen höheren Zins als mit Obligationen.

 

Die Banken ticken anders: Bei ihnen gehört der Hypothekarkredit zum Kerngeschäft. Sie wollen damit eine möglichst hohe Verkaufsmarge herausschinden. Dies ist einer der Gründe, weshalb die Banken höhere Hypothekarzinsen verlangen als die Lebensversicherer.

Doch aufgepasst: Melden Sie sich direkt bei der Hypothekarabteilung am Hauptsitz der Versicherung. Gehen Sie nämlich via Aussendienst, wird Ihnen dieser mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit eine Lebensversicherung verkaufen wollen.

 

So oder so sollten Sie mehrere Offerten einholen. Gut möglich, dass die Versicherungsgesellschaft A im offiziellen Zinsvergleich günstiger ist als die Bank B. Ebensogut möglich ist, dass Sie bei der Bank B trotzdem günstigere Konditionen erhalten als bei der Versicherung A. Der Grund: Die publizierten Zinssätze sind nur Richtwerte.

 

Massgebend ist und bleibt die Schuldner- und Objektbonität. Das heisst, der Hypothekargläubiger prüft das Risiko, das er mit der Vergabe seiner Hypothek eingeht. Je höher das Risiko, desto höher der Hypozins.

 

Erschienen im BLICK am 22. Juni 2006

Claude Chatelain