Vergessen Sie den Versicherer nicht

Die Schweizer Versicherer sind im Hypothekargeschäft zu einem ernst zu nehmenden Player geworden. Vor allem, seit für die Kreditgewährung Gegengeschäfte nicht mehr Bedingung sind.

Die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer schliesst die Hypothek bei der Hausbank ab, ohne auch nur eine Konkurrenzofferte einzuholen. Dies ist schon mal unklug. Ungenügend ist aber ebenfalls, zwar mehrere Offerten zu verlangen, dabei aber die Lebensversicherer zu vergessen. Gemäss einer Umfrage des Instituts für Markt- und Sozialforschung(GfS) in Zürich ist sich jeder dritte Kreditsuchende bewusst, dass auch die Versicherer Hypotheken anbieten. Unter denjenigen, die davon wissen, hat aber nur jeder Achte bei einer Versicherung eine Offerte eingeholt. Das sind nur 4 Prozent der befragten Wohneigentümer und angehenden Immobilienbesitzer.

 

Die Versicherungen sind an Hypotheken sehr interessiert

 

Die grosse Mehrheit der Eigenheimbesitzer meidet also den Weg zur Versicherung. Vermutlich befürchten sie, gleichzeitig irgendeine Lebensversicherung aufgeschwatzt zu bekommen. Obschon die Versicherungen unisono beteuern, Gegengeschäfte seien nicht Bedingung, wird der Policenverkäufer nichts unversucht lassen, sein Provisionseinkommen aufzubessern. Für solche Fälle empfiehlt es sich, nicht beim Aussendienst, sondern direkt bei der Hypothekarabteilung am Hauptsitz vorstellig zu werden. «Wir vergeben sehr oft Hypotheken an Nichtversicherungskunden», versichert Hansjörg Leibundgut, Sprecher von Allianz Suisse. «Wer Versicherungskunde ist, hat lediglich die Chance auf Vorzugszinsen.» Und Lorenz Heim, Leiter des Hypothekenzentrums in Zürich, erläutert: «Die Anlageverwalter der Versicherungen haben alles Interesse, aus Renditeüberlegungen Hypotheken abzuschliessen.»

 

Versicherer sind konservativer und weniger flexibel

 

Früher war das noch anders. Da wurden Hypotheken noch eher als Köder benutzt, um Versicherungen zu verkaufen. «Doch mittlerweile betreiben Winterthur, Zürich und Swiss Life das Hypothekargeschäft hoch professionell», weiss Lorenz Heim aus Erfahrung. Aber auch Helvetia-Patria, Pax und Allianz Suisse vergeben Hypotheken. Die Mobiliar bietet Hypotheken hauptsächlich für die eigenen Mitarbeiter an. Und die Bâloise wird hier nur deshalb nicht aufgeführt, weil bei ihr das Hypothekargeschäft über die konzerneigene Bank SoBa abgewickelt wird.

 

Im Zinsvergleich figurieren die Versicherungen unter den Günstigsten. Das erklärt sich mit der unterschiedlichen Geschäftsausrichtung: Bei den Banken gehört der Hypothekarkredit zum Kerngeschäft. Die Banken wollen mit möglichst hohen Margen möglichst viel Geld verdienen. Doch für die Versicherung ist der Hypothekarkredit eine Finanzanlage. Er ist Teil einer Anlagestrategie, um zusammen mit Aktien, Obligationen und Immobilien ein breit diversifiziertes Anlageportefeuille herzustellen.

 

Auch aus der Sicht des Kunden gibt es Unterschiede zwischen Banken und Versicherungen. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Die Versicherungen sind konservativer und weniger flexibel als die Banken. Konservativer, indem sie die Belehnungsgrenze tiefer ansiedeln als Banken. Weniger flexibel, indem sie nur Festhypotheken und die klassische variable Hypothek anbieten. Denn an Libor-Hypotheken sind sie nicht interessiert.

 

Für die indirekte Amortisation sind die Banken im Vorteil

 

Die Zürich beispielsweise belehnt nur bis zu 65 Prozent, derweil die Banken teilweise bis gegen 100 Prozent finanzieren, wenn ihnen genügend Sicherheit geboten wird. Restriktiver sind die Versicherer auch dann, wenn es darum geht, das Pensionskassenkapital zu verpfänden, sprich: indirekt zu amortisieren. Aber auch hier verfolgen nicht alle die gleiche Strategie: Swiss Life gewährt bis zu 95 Prozent des Liegenschaftswertes zu besten Konditionen, sofern das Pensionskassenkapital verpfändet wird. Bei der Zürich und der Pax wiederum ist die Verpfändung des Pensionskassenguthabens gar nicht möglich. Doch die Versicherer ziehen es generell vor, die indirekte Amortisation via Säule 3a abzuwickeln. Allerdings sind sie mit diesem Vorhaben gegenüber den Banken im Nachteil. Denn sie haben keine 3a-Konti, sondern 3a-Versicherungen. Damit passiert genau das, was manche Eigenheimbesitzer nicht wollen: ein Hypothekargeschäft, das an eine Lebensversicherung geknüpft ist.

 

Heute ist es gängig, die nachrangige Hypothek nicht abzuzahlen, sondern indirekt zu amortisieren. Beispiel: Statt jährlich 6000 Franken für die Hypothek abzuzahlen, überweist man das Geld lieber in die Säule 3a. Das Geld in der Säule 3a wird verpfändet, sodass der Hypothekargläubiger bei einer allfälligen Zahlungsunfähigkeit auf dieses Geld zurückgreifen könnte. Nun gibt es aber zwischen 3a-Konti und 3a-Policen mindestens einen erheblichen Unterschied: 3a-Policen enthalten einen Versicherungsschutz gegen Tod. Diese integrierte Todesfallversicherung ist nicht gratis. Man zahlt also für eine Leistung, die man unter Umständen gar nicht braucht. Und damit wird mit 3a-Policen weniger angespart als mit 3a-Konti.

 

Vielsagend ist der Internetauftritt der Versicherer. Daraus lässt sich indirekt ableiten, wie stark das Interesse an Hypotheken ist. Helvetia- Patria ist derart stark an diesem Geschäft interessiert, dass schon auf der Startseite das Wörtchen «Hypotheken» angeklickt werden kann. Das Extrembeispiel auf der anderen Seite der Skala ist die Pax: Dort ist das Hypothekarangebot auf der Website nirgends zu finden.

 

Wer eine Hypothek braucht, sollte sich nicht mit nur einer Offerte zufrieden geben. Und vor allem sollte man auch beim Lebensversicherer Offerten einholen.

 

 

So präsentieren sich die Versicherer im Internet

Allianz Suisse: Enthält wenig Infos, die erst noch schwierig zu finden sind.

 

Helvetia-Patria: Schon auf der Startseite wird auf Hypotheken hingewiesen

 

Pax Leben: Das Hypothekarangebot ist nirgends zu finden

 

Swiss Life: Die Infos sind ausführlich, aber die Darstellung könnte besser sein.

Winterthur Leben: Sogar mit Namen und Telefonnummer der Ansprechpersonen

 

Zürich-Versicherung: Konstruiert nach dem Motto «Interessiert? Bitte melden».

 

Erschienen im CASH am 15. Dezember 2005


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Claude Chatelain