«Sie lassen wichtige Fakten aus»

Ich lese nun seit einiger Zeit Ihre Rubrik und muss mit Schrecken feststellen, dass Sie bei Ihren Berichten immer nur die «halbe Wahrheit» abdrucken. Weshalb erwähnen Sie die IV und vor allem die Prämienbefreiung nie? D. M., Reinach BL

Ich kann gerne auf die andere «halbe Wahrheit» eingehen. Wir sprechen ja von Sparversicherungen. Man bezahlt jährlich eine bestimmte Prämie, um sich mit Alter 60 ein hoffentlich ansehnliches Kapital auszahlen zu lassen. Gleichzeitig ist dann auch noch ein Todesfallkapital versichert. Ich halte in der Tat wenig von solchen Produkten: Sie sind teuer, unflexibel und undurchsichtig. Meine Hauptkritik betrifft die lange Vertragsdauer. Ich stelle mich auf den Standpunkt, dass nur wenige Menschen mit der Gabe gesegnet sind, ihr Leben auf zwanzig oder mehr Jahre hinaus vorherzusehen. Deshalb ist von langfristigen Versicherungsverträgen Abstand zu nehmen. Dies umso mehr, weil beim vorzeitigen Ausstieg hohe Rückkaufsverluste in Kauf zu nehmen sind.


Mit der anderen halben Wahrheit, die ich verschweige, meinen Sie die Prämienbefreiung. Diese kann man mitversichern. Wenn der Versicherte erwerbsunfähig wird, übernimmt die Versicherung die Prämienzahlung. Somit wird der Versicherte keine Prämien mehr bezahlen müssen und trotzdem mit Alter 60 zu einem hoffentlich ansehnlichen Kapital kommen. Wieso ich das verschweige? Weil ich davon nichts halte.


Wer mit - zum Beispiel - 40 Jahren erwerbsunfähig wird, erhält von der IV und von der Pensionskasse lebenslänglich eine IV-Rente. Mit diesen Renten muss er auskommen. Und nun bekommt er mit 60 Jahren dank der Prämienbefreiung auf einen Schlag ein ansehnliches Kapital ausbezahlt. Er hat also mit Alter 60 plötzlich viel mehr Geld zur Verfügung als mit 40. Das ist doch Unsinn. Mit 40 hätte er das Geld eher brauchen können.


Erwerbsfähige können mit Kapitalauszahlungen zur Zeit der Pensionierung die Einkommenseinbusse ausgleichen, weil die Renten kleiner sind als das Lohneinkommen. Bei IV-Rentnern ist dies anders: Sie haben im AHV-Alter keine Einkommenseinbusse hinzunehmen. Deshalb macht die Prämienbefreiung keinen Sinn. Sie ist ein reines Verkaufsargument - und erst noch ein schlechtes.


Erschienen im BLICK am 17. August 2005

Claude Chatelain