Chatelain rät: "Ich tue mich soooo schwer"

Frage: Sie hatten zu längerfristigen Festhypotheken geraten. Die Bank empfiehlt mir ebenfalls eine langjährige, sogar eine achtjährige Hypothek. Bekannte von uns meinen jedoch, es sei keinesfalls sicher, dass die Zinsen bald ansteigen. Und wenn ich mich dann langfristig anbinde, würde ich mich ärgern, all die Jahre zu hohe Zinsen zu zahlen und nicht mehr aussteigen zu können. Können Sie mich aus meinem Dilemma befreien? A. S. via E-Mail

Antwort: Alles eine Frage der Einstellung: Ein Psychologe könnte Ihnen womöglich besser helfen. Ich meine das keineswegs abschätzig. Denn Ihr Dilemma lässt sich nicht mit finanztechnischen oder makroökonomischen Erkenntnissen lösen. Ihre Bekannten haben Recht: «Es ist keinesfalls sicher, dass die Zinsen bald ansteigen.» Leider ist es auch keinesfalls sicher, dass sie nicht ansteigen. Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.

 

Die Frage ist nicht, wie sich die Hypothekarzinsen entwickeln. Die Frage lautet vielmehr: Mit welcher Hypothek fühlen Sie sich am wohlsten? Nicht nur die Rendite zählt, sondern auch das Wohlbefinden. Bei einer Festhypothek weiss man, was man hat. Man weiss für eine längere Zeitperiode, wie hoch die Zinsbelastung ausfällt. Für manche ist das viel wert. Es macht meines Erachtens wenig Sinn, nach Ablauf einer Hypothek nachzurechnen, wie viele Franken einzusparen gewesen wären, hätte man sich vor acht Jahren anders entschieden. Das Rad kann man nicht zurückdrehen.

 

Ein Beispiel aus meinem Bekanntenkreis: Der Mann kaufte 1996 ein Einfamilienhaus und übernahm vom Verkäufer eine achtjährige Hypothek zu 5,25 Prozent. Hätte er zu jenem Zeitpunkt die Hypothek neu abschliessen müssen, hätte ihm die Bank einen Zins von 6 Prozent verlangt. Alle rieten ihm, die Hypothek zu übernehmen. Man sprach von einem «Schnäppchen». Und der Mann wusste, mit was für Zinskosten er für mehrere Jahre zu rechnen hatte. Was nachher passierte, ist bekannt: Die Zinsen sanken und sanken - der Mann zahlte jahrelang im Vergleich zum Markt zu hohe Zinsen. Mittlerweile ist die Hypothek abgelaufen. Der Mann hat neue Hypotheken zu rund 3 Prozent abgeschlossen. Seine Hypozinsbelastung verringerte sich auf einen Schlag um über 10000 Franken pro Jahr. Grämt sich der Mann, zu viel bezahlt zu haben? Nein. Er freut sich, plötzlich nicht mehr so knapp budgetieren zu müssen. Wie gesagt: Alles eine Frage der Einstellung.

 

Erschienen im BLICK am 16. Juli 2005

Claude Chatelain