Vergiss die Frühpensionierung. Lass dich entlassen

Wer vorzeitig pensioniert wird, erhält eine Altersleistung. Wer sich entlassen lässt, erhält eine Austrittsleistung. Der Unterschied kann in die Tausende gehen.

In der Schweiz geht jeder zweite Arbeitnehmer vor dem ordentlichen AHV-Alter in Pension. Einigen werden goldene Fallschirme angeschnallt, andere erhalten ganz gewöhnliche Fallschirme, nochmals andere überhaupt keinen. Allerdings gehören lukrative Abgangsentschädigungen mehr und mehr der Vergangenheit an. Denn eine unfreiwillige Frühpensionierung ist nur dann wirtschaftlich, wenn der Betroffene ohne hohe Zusatzkosten ins Rentnerdasein entlassen werden kann.

 

Muss sich das der Arbeitnehmer gefallen lassen? Manchmal ja, manchmal nein. Je nach Pensionskassenreglement kann der Betroffene auf eine Entlassung pochen und danach stempeln gehen. Unter Umständen ist der Dienstaustritt vorteilhafter als die vorzeitige Pensionierung. Der Grund: Frühpensionierte erhalten aus der Pensionskasse eine Rente oder das Kapital. Beides wird dem Arbeitslosentaggeld angerechnet. Liegt hingegen keine Frühpensionierung, sondern ein Dienstaustritt vor, erhält man von der Arbeitslosenversicherung das volle Taggeld. Das Problem: Manche sind sich dieser Unterscheidung nicht bewusst.

 

Das Arbeitslosentaggeld kann stark variieren

 

Eine unfreiwillige Frühpensionierung ist dem Dienstaustritt dann vorzuziehen, wenn sie mit einer Überbrückungsrente abgefedert wird. Bei einem Dienstaustritt würde man sonst auf dieses «Abschiedsgeschenk» des Arbeitgebers verzichten. Wo hingegen keine oder nur eine ganz bescheidene Überbrückungsrente nachgeschoben wird, ist auf einen Dienstaustritt zu pochen. Der Betroffene wird bei dieser Variante das volle Arbeitslosentaggeld von 70 oder 80 Prozent des letzten Lohnes in Anspruch nehmen können, derweil bei einer Frühpensionierung die Altersleistung mit dem Arbeitslosentaggeld verrechnet würde - und zwar unabhängig davon, ob jene in Renten- oder Kapitalform daherkommt.

 

Allerdings kann die Entlassung bzw. der Dienstaustritt nicht immer erzwungen werden. Vor einem Jahr publizierte der «Blick» einen Fall, bei welchem ein 60-jähriger Kadermann die Stelle wechselte. Statt dass das Freizügigkeitskapital in die Vorsorgestiftung des neuen Arbeitgebers überwiesen wurde, erhielt der Mann eine gekürzte Pensionskassenrente, obschon das gar nicht in seinem Interesse lag. Laut dem Pensionskassenreglement war er kein «Freizügigkeitsfall», sondern ein «Vorsorgefall». Somit erhielt er nach dem Stellenwechsel zusätzlich zum nicht bescheidenen Kaderlohn noch eine Pensionskassenrente des früheren Arbeitgebers «aufgebrummt». Er geriet in eine Steuerprogression, was der Kadermann nicht gerade lustig fand.

 

Dieses Kuriosum kommt daher, weil im Vorsorgerecht strikt zwischen Freizügigkeitsfall und Vorsorgefall unterschieden wird. Ab dem Jahr, ab welchem laut Pensionskassenreglement Anspruch auf eine Rente besteht, wird man automatisch vom Freizügigkeitsfall zum Vorsorgefall. Dies geschieht etwa ab Alter 62, oft ab Alter 60 und manchmal sogar noch früher. Ab dann entfällt der Anspruch auf Freizügigkeitsleistungen. Man hat stattdessen die im PK-Reglement vorgesehenen Vorsorgeleistungen zu akzeptieren. Meldet man sich darauf bei der Arbeitslosenkasse, so werden diese Vorsorgeleistungen angerechnet.

 

Die Altersrente kann nicht immer erzwungen werden


Anders verhält es sich, wenn man laut Vorsorgereglement die Ausrichtung einer Altersrente ablehnen kann. In solchen Fällen wird man nicht automatisch zum Vorsorgefall, sobald das reglementarische Rentenalter für eine vorzeitige Pensionierung erreicht wird. Hier tritt der Vorsorgefall nur dann ein, «wenn der Versicherte von der ihm in den Statuten eingeräumten Möglichkeit, die Ausrichtung einer vorzeitigen Altersrente zu verlangen, Gebrauch macht. Unterlässt er dies, hat er Anspruch auf eine Austrittsleistung», schreibt das Bundesamt für Sozialversicherung in einer Mitteilung vom 28. Oktober 2002.

 

Wer sich also für eine Austritts- statt eine Altersleistung entscheidet, wird sich das Pensionskassenguthaben auf ein Freizügigkeitskonto überweisen lassen. Das heisst gleichzeitig der Verzicht auf eine Rente. Was tun, wenn man später trotzdem eine Rente haben möchte? Makler raten zum Abschluss einer Leibrentenversicherung. Noch besser ist es aber, den obligatorischen Teil des Pensionskassenguthabens in die Stiftung BVG-Auffangeinrichtung zu überweisen. Dabei ist Folgendes zu beachten:

  • Das Gesuch für die Weiterversicherung gemäss Art. 47.1 BVG muss spätestens 30 Tage nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses bei der Auffangeinrichtung eintreffen.
  • Es müssen bis zur Pensionierung weiterhin Sparbeiträge entrichtet werden.
  • Die Weiterführung im bisherigen Umfang bezieht sich auf das BVG-Minimum. Es wird der letzte AHV-Lohn zu Grunde gelegt, und dann werden die Leistungen gemäss BVG berechnet und versichert. Auf diesem Teil gibts mit Alter 65 eine Rente mit Umwandlungssatz 7,2 Prozent.
  • Überobligatorische Anteile werden von der Auffangeinrichtung auf ein Wartekonto platziert. Sie werden mit Alter 65 als Kapitalzahlung fällig.

Arbeitslos: Das müssen Sie wissen

Normalerweise haben Arbeitslose Anspruch auf 400 Taggelder. Ab dem Alter 55 erhöht sich der maximale Anspruch auf 520 Taggelder. Wer innerhalb der letzten vier Jahren vor Erreichen des AHV-Alters arbeitslos wird, erhält zusätzliche 120 Tage, insgesamt also maximal 640 Taggelder. Da für die Berechnung nur die Werktage zählen, entsprechen diese 640 Tage rund zweieinhalb Jahren.

 

Das Arbeitslosentaggeld beträgt derzeit 70 Prozent des versicherten Verdienstes von maximal 106 800 Franken. Wer Unterhaltspflichten gegenüber Kindern

hat, erhält 80 Prozent. Bei einer 70-prozentigen Berechtigung beträgt das maximale Taggeld für diese 640 Tage rund 183 000 Franken, brutto. Freilich ist das Taggeld nicht «gratis» zu haben. Man muss sich gezielt um eine neue Stelle bemühen, wenn nötig auch ausserhalb des angestammten Berufs. Man ist verpflichtet, alles Zumutbare zur Vermeidung und zur Verkürzung der Arbeitslosigkeit zu unternehmen. Die Stellensuche ist gegenüber dem RAV nachzuweisen. Gilt eine Stelle als zumutbar, hat man sie anzunehmen. Unzumutbar wäre zum Beispiel ein Arbeitsweg von täglich mehr als vier Stunden.

 

 


Mit Alter 62 unfreiwillig frühpensioniert. Was nun? Fünf Beispiele

1 Der Mann wird mit Alter 62 unfreiwillig frühpensioniert. Er erhält von der Pensionskasse eine gekürzte Rente. Kann er gleichzeitig Arbeitslosengeld beziehen? Die Antwort lautet ja: Er erhält 70 Prozent des letzten Lohnes, aber abzüglich der Pensionskassenrente. 80 Prozent des Lohnes abzüglich der Pensionskassenrente erhält er, wenn er für Kinder aufkommen muss, die noch in der Ausbildung stehen.

 

2 Der Mann verzichtet auf ein Renteneinkommen und lässt sich das Kapital auszahlen. Wird nun die Altersleistung trotzdem ans Arbeitslosentaggeld angerechnet? Die Antwort lautet ja. «Es ist unerheblich, ob die Altersleistungen in Kapital- oder Rentenform ausgerichtet werden», sagt Hans-Peter Egger vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Das ausbezahlte Kapital wird in eine fiktive Rente umgewandelt.

 

3 Der Mann lehnt die Frühpensionierung ab. Das Geld wird auf ein Freizügigkeitskonto überwiesen. Er erhält also eine Austritts- statt eine Altersleistung. Man spricht in diesem Fall von einem Dienstaustritt statt einer Frühpensionierung. Diese Unterscheidung ist zentral: Beim Dienstaustritt bzw. bei der Entlassung wird das Freizügigkeitsguthaben beim Arbeitslosentaggeld nicht angerechnet.

 

4 Die Pensionskasse schiebt die Rentenzahlung um zwei Jahre hinaus und zahlt weiterhin Arbeitgeberbeiträge. Dies geschieht etwa im Rahmen einer sozialverträglichen Frühpensionierung. Man kann sodann während zweier Jahre die vollen Arbeitslosenleistungen beanspruchen. Dieses Vorgehen kann man als Arbeitnehmer nicht erzwingen. Es braucht dazu einen grosszügigen Arbeitgeber.

 

5 Der Mann überweist den obligatorischen Teil des Pensionskassenguthabens in die Stiftung BVG-Auffangeinrichtung. Das entsprechende Gesuch muss spätestens 30 Tage nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses bei der Auffangeinrichtung eintreffen. Danach sind bis zum Bezug einer Rente die Sparbeiträge zu entrichten. Der Mann kommt in den Genuss der vollen Arbeitslosenleistungen.

 

Frühpensionierung oder doch Dienstaustritt?

Folgendes Rechenbeispiel zeigt, wie sich die Frühpensionierung und der Dienstaustritt unterschiedlich auswirken können. Der Unterschied liegt in der Leistung der Arbeitslosenversicherung.

 

Frühpensionierung: Ein Mann verliert mit Alter 62 seinen Job. Das Arbeitslosentaggeld beträgt 70 Prozent des letzten Verdienstes von maximal 106 800 Franken, also maximal 74 760 Franken pro Jahr. Wie werden nun die Altersleistungen angerechnet, wenn sich der Mann das Pensionskassenkapital von 700 000 Franken auszahlen lässt? Das Kapital wird gemäss einer Faktorentabelle in eine fiktive Rente umgewandelt. Sie beträgt im vorliegenden Fall 46 052 Franken. Ergo beläuft sich das jährliche Arbeitslosentaggeld auf nur noch 28 708 Franken (74 760 minus 46 052). Nach rund zweieinhalb Jahren wird die Arbeitslosenversicherung die Zahlungen einstellen. Aufgerechnet auf 640 Taggelder wird der Mann von der ALV insgesamt rund 70 000 Franken kassiert haben.

Dienstaustritt: Wenn der Mann die Frühpensionierung ausschlägt und sich entlassen lässt, sind die 700 000 Franken keine Alters-, sondern eine Austrittsleistung. Sie werden auf ein Freizügigkeitskonto überwiesen und bei der Berechnung der Arbeitslosentaggelder nicht berücksichtigt. Demzufolge erhält der entlassene Mann pro Jahr 74 760 Franken. Aufgerechnet auf die maximal 640 Taggelder gibt das rund 183 000 Franken brutto.

 

Fazit: Der Entlassene erhält von der ALV über 100 000 Franken mehr als der Frühpensionierte, ohne das Freizügigkeitsguthaben anzurühren. Dieses wird sich dank Zins und Zinseszins in den zweieinhalb Jahren auf rund 730 000 Franken erhöhen.

 

Erschienen im CASH am 14. Oktober 2004


Claude Chatelain