Chatelain rät: Winterthur-Rentenklau an der geschiedenen Frau

Rentenklau. Die Versicherer mögen diesen Begriff nicht mehr hören. Bundesrat Merz auch nicht. Dass diese Wortkombination aber etwas Wahres hat, zeigt das folgende, konkrete Beispiel.

BLICK-Leserin P. G. aus einem Bauerndorf nördlich von Bern ist geschieden. Sie ist 55 Jahre alt. Bei der Scheidung vor vier Jahren wurde das Pensionskassenkapital des Mannes geteilt. Da ihr Ex-Mann recht gut verdiente, erhielt sie 300'000 Franken. Das Geld wurde der Vorsorgestiftung ihres Arbeitgebers überwiesen, der Winterthur Columna. So weit, so gut.

Die geschiedene Frau verdient rund 30 000 Franken pro Jahr. Wer im Jahr über 25'320 Franken brutto verdient, ist obligatorisch über die Pensionskasse zu versichern. Allerdings wird nur jener Lohnbestandteil versichert, der über diesem Schwellenwert von 25 320 Franken liegt. Somit beträgt der versicherte Jahreslohn bei Frau P. lediglich 5000 Franken.


Bis vor zwei Jahren sah alles noch gut aus. Damals wurde vorgerechnet, dass Frau P. bei der Pensionierung mit einer Rente von jährlich 32'417 Franken rechnen könne. Nun der Hammer: Nach dem aktuellen Versicherungsausweis muss sich die Frau mit 21'475 Franken begnügen. Das entspricht einer Einbusse von 33 Prozent bzw. 1000 Franken pro Monat.


Wie ist das möglich? Dass die hoch geschätzten Altersleistungen nach unten korrigiert werden mussten, ist klar. Das Kapital wird nur noch zu 2,25 statt zu 4 Prozent hochgerechnet, was angesichts der tiefen Zinsen und geringen Inflation auch gerechtfertigt ist. Dies vermag die horrende Einbusse nicht zu erklären.


Der «Rentenklau» ist anderswo zu suchen: in der Senkung des Umwandlungssatzes auf dem überobligatorischen Teil des Pensionskassenvermögens. Nach der etwas eigenwilligen Interpretation der «Winterthur» ist das gesamte Kapital, das die BLICK-Leserin von ihrem Ex-Mann zugesprochen erhielt, als überobligatorisch zu betrachten. Auf diesem Teil wird der Umwandlungssatz von 7,2 auf 5,356 Prozent gesenkt. Anders gesagt: Über 97 Prozent des Pensionskassenkapitals wird mit dem reduzierten Satz von 5,356 Prozent umgewandelt.

Das ist Rentenklau à la «Winterthur». Opfer dieser absurden Praxis ist - einmal mehr - die geschiedene Frau.


Erschienen im BLICK am 17. März 2004

Claude Chatelain