Gleiche Prämien für Mann und Frau?

Frauen zahlen oft tiefere Versicherungsprämien als Männer, mitunter auch höhere. Die Branche spricht von risikogerechten Tarifen. Nun wollen politische Kräfte unterschiedliche Prämien für Mann und Frau verbieten. CASH zeigt, wo Frauen mehr, wo sie weniger bezahlen.

In der Bundesverfassung stehts klipp und klar: «Mann und Frau sind gleichberechtigt.» Bedeutet das, dass in der Versicherungswirtschaft die Prämien für Mann und Frau gleich hoch sein müssten? «Nein», sagt Lucius Dürr, Direktor beim Schweizerischen Versicherungsverband (SVV). Solange die Unterscheidung auf objektiven Kriterien beruhe, seien unterschiedliche Prämien zugelassen. An solchen objektiven Kriterien fehlts in der Versicherungswirtschaft in der Tat nicht.

 

Jede Statistik belegt es: Frauen sind prozentual weniger häufig in Autounfälle verwickelt, also zahlen sie auch tiefere Prämien. Tiefere Kosten als Männer produzieren sie auch bei den Invaliditätsversicherungen, was sich ebenfalls in tieferen Prämien niederschlägt. Bei der Mobiliar beispielsweise um einen Viertel. So sind Frauen zwar weniger unfallgefährdet, dafür leben sie länger. Ergo zahlen sie bei Rentenversicherungen höhere Prämien als Männer gleichen Alters.

 

Besonders kompliziert wirds bei der Krankenzusatzversicherung. Bei der Wincare zahlen junge Leute bis Alter 20 identische Prämien. Zwischen 21 und 35 zahlen die Frauen dann deutlich mehr. In der Alterskategorie 36 bis 45 Jahre ist dann der Prämienunterschied zu Ungunsten der Frau nach Angaben von Sprecher Ruedi Steiner nur noch «minim». Ab Alter 46 zahlen Männer mehr als Frauen.

 

Die Grüne Franziska Teuscher erhält Unterstützung aus Brüssel

 

Bundesbern wird demnächst darüber befinden, ob geschlechterspezifische Prämien in der Krankenzusatzversicherung zu unterbinden seien. Dies als Folge eines Vorstosses aus dem Jahr 1998 von Nationalrätin Franziska Teuscher. Unerwartete Schützenhilfe erhält die grüne Politikerin aus Brüssel: EU-Kommissarin Anna Diamantopoulou will unterschiedliche Versicherungsprämien für Mann und Frau mit einer EU-Richtlinie untersagen. Beide Geschlechter sollen in allen Versicherungsbereichen völlig gleich behandelt werden. Noch ist diese Richtlinie nicht in Kraft. Sollte sich aber die EU-Kommissarin für soziale Angelegenheiten durchsetzen, kann das der Schweiz nicht einerlei sein.

 

So läuft der SVV schon heute gegen die «Gleichmacherei» Sturm. «Sowenig für die Feuerversicherung einer Schreinerei der gleiche Prämienansatz angewandt werden kann wie für ein Wasserwerk, so wenig lässt sich ignorieren, dass das Risikoprofil von Frauen und Männern merkliche Unterschiede aufweist», erklärt Verbandspräsident Albert Lauper. «Weshalb sollen Frauen denn nicht prämienmässig besser fahren, wenn sie besser Auto fahren?» Für Lauper führen Durchschnittsprämien dazu, dass nur noch bessere Risiken akquiriert werden.

 

Die Risikoselektion wird nicht bei jedem Anbieter gleich rigoros durchgezogen. Noch gibt es zahlreiche Lebensversicherer, etwa die Marktführer Swiss Life und «Winterthur», die zwischen Rauchern und Nichtrauchern keine Unterschiede machen. Auch in der Autoversicherung haben nicht alle Versicherer unterschiedliche Prämien für Mann und Frau. Durchwegs geschlechterspezifische Tarife gibts indessen bei den Todesfall-, Erwerbsunfähigkeits- und Rentenversicherungen.

 

KOMMENTAR

Gleiche Versicherungsprämien für Mann und Frau? Auf den ersten Blick keine abwegige Idee. Frauen können nichts dafür, dass sie Frauen sind. Schliesslich war es die Idee des Schöpfers, Schwangerschaft und Geburt allein dem weiblichen Geschlecht zu übertragen. Naturgemäss sind damit auch höhere Krankheitskosten verbunden, was sich wiederum in höheren Prämien niederschlägt.

 

Weshalb aber sollen Frauen mit höheren Prämien bestraft werden, wenn sie doch nichts dafür können?

 

Wenn man den Faden weiterspinnt, kommt man unwiderruflich zum Schluss, dass eigentlich auch Männer nichts dafür können, dass sie Männer sind. Mit dem Mannsein ist ein höheres Invaliditäts- und Sterblichkeitsrisiko verbunden. Warum also werden Männer mit höheren Prämien für Erwerbsunfähigkeit- und Todesfallversicherungen bestraft? Und kann ich etwas dafür, dass ich im vergangenen Jahr 50 geworden bin? Warum also muss ich höhere Prämien für die Krankentaggeld-Versicherung bezahlen als mein Neffe, der eben erst 25 Jahre alt geworden ist? Ferner nimmt kein

Mensch freiwillig ein gesundheitliches Leiden in Kauf. Und doch werden Kranke mit höheren Versicherungsprämien oder Vorbehalten zusätzlich bestraft.

 

Wenn also gleiche Prämien für Mann und Frau gelten sollen, dann ist nur schwer zu rechtfertigen, dass für Junge und Alte oder Kranke und Gesunde unterschiedliche Prämien verlangt werden. Das wäre der Abschied von den risikogerechten Prämien. Die Versicherungen könnten sich dann nur noch übertreffen, indem sie den «guten Risiken» nachjagten. Das erinnert an die obligatorische Krankenversicherung.

 

Solidarität ist gut in der Sozialversicherung. Dort ist sie sogar notwendig. Ein solidarischer Ansatz ist auch angebracht, wo der fehlende Versicherungsschutz Sozialfälle produziert, wie beim Krankentaggeld. Ansonsten bringt die Gleichmacherei nichts und den Frauen schon gar nicht. Bei Unisex-Tarifen müssten Frauen insgesamt eher höhere Prämien bezahlen als heute.

 

Erschienen im CASH am 19. Februar 2004


Claude Chatelain