Chatelain rät: Kapitalversicherung ist nichts für junge Leute

Frage: Mein Vater gibt mir 100'000 Franken unter der Bedingung, dass ich das Geld sicher anlege. Da nun die Pensionskassenrenten reduziert werden, habe ich mir überlegt, mit den 100 000 Franken eine Kapitalversicherung abzuschliessen. An welche Gesellschaft soll ich mich wenden? L.C., Olten

Antwort: Sie sind 25 Jahre alt, ledig, haben keine Kinder. Wozu also eine Lebensversicherung? Das Geld wäre bis Alter 60 gebunden, um vom Steuervorteil profitieren zu können. Niemand kann Ihnen sagen, ob Sie das Geld in ein paar Jahren für etwas Gescheites brauchen. Und wenn Sie die Versicherung vorzeitig zurückkaufen, machen Sie herbe Verluste.

Kapitalversicherungen enthalten neben dem Spar- auch einen Risikoteil. Sollte Ihnen etwas zustossen, müsste die Versicherung ein Todesfallkapital auszahlen. Dieser Risikoschutz ist nicht gratis zu haben, bringt aber in Ihrem Fall nichts. Daher ist es für Sie besser, die 100 000 Franken auf einem Sparkonto zu deponieren und - zum Beispiel - jeden Monat je 1000 Franken in einen Aktien- und Obligationenfonds zu überweisen.

Ich habe meine Überlegungen Ihrem Vater am Telefon dargelegt. Er ist nicht begeistert von meinem Vorschlag. Er fürchtet, Sie würden sich nicht an den Sparplan halten und das Kapital - oder zumindest einen Teil davon - verjubeln. Er macht das Geld nur locker, wenn Sie keinen oder nur einen erschwerten Zugriff haben.

Tut mir Leid. Gewisse Leute brauchen offenbar einen Sparzwang. Nur muss man wissen, dass ein solcher Zwang teuer zu stehen kommt - teuer in Form hoher Abschlusskosten und teuer infolge entgangener Renditen. Das zeigt auch der unten stehende Vergleich: Eine jährlich Rendite von 2,35 Prozent auf 35 Jahre ist nun wirklich nicht berauschend. Kommt hinzu, dass die Rendite auf der gesamten Auszahlung berechnet wird, also einschliesslich der nicht garantierten Überschüsse.

Man darf aber auch sagen, dass es in der Vorsorgeberatung keine Regel ohne Ausnahmen gibt. Die Regel: Einmalprämienversicherungen sind nichts für junge Leute. Die Ausnahme: Kapitalversicherungen sind sinnvoll, wenn sich Leute einen Sparzwang auferlegen müssen.

 

Erschienen im BLICK am 10. Dezember 2003

Claude Chatelain