Valora - die ewige Baustelle

Reto Hartmann - verspricht viel; hält wenig.
Reto Hartmann - verspricht viel; hält wenig.

Hier ein Testfeld, da ein neues Vorhaben, dort ein Relaunch: Valora lässt laufend neue Projekte vom Stapel.

Konzernchef Reto Hartmann teilt die Einschätzung nicht, Valora sei eine notorische Baustelle. Für ihn sind die wiederholten Restrukturierungen und Neupositionierungen zwingende Anpassungen an Veränderungen des Marktes. Auch der Vorwurf, dass zu viele Projekte gleichzeitig angepackt würden, weist er von sich. Die diversen Vorhaben würden von unterschiedlichen Leuten betreut, sodass keine Engpässe im Management aufträten, sagte er gestern an einem Mediengespräch in Zürich.

Zu viele Hochzeiten

Und doch: Von aussen betrachtet kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, der Logistik- und Detailhandelskonzern mit Hauptsitz in Bümpliz tanze gleichzeitig auf zu vielen Hochzeiten. Beispiele:

  • 2001 ist das Testjahr für die Hausverteilung. Valora prüft, in- wieweit das E-Commerce mit einem Hauslieferdienst betrieben werden kann. Hartmann: «Wir sind der günstigste Feinverteiler.» Ergo wird derzeit getestet, ob auch beim Hauslieferdienst die Rechnung aufgehe. Ein erster Schritt wurde vor einem Monat mit dem Kauf der Zürcher Distriforce gemacht, einer Firma, welche Tageszeitungen verteilt. Bleibt die Frage, inwieweit neben Tageszeitungen andere Produkte vor die Haustür geliefert werden können.
  • In eine andere Richtung zielt Plenaxx, ein Gemeinschaftsunternehmen mit UBS, Mobiliar und Swisscom, wo Hartmann als Verwaltungsratspräsident fungiert. Die in Belp beheimatete Firma befindet sich erst in den Startlöchern. Sie will sich als Anbieter von Lösungen im Bereich Informationstechnologie für Klein- und mittelgrosse Betriebe etablieren.
  • Neu positioniert wird auch die Merkur-Kette. Die 90 Geschäfte werden in Vier- und Fünfsternläden umgebaut mit dem Ziel, Originalköstlichkeiten anzubieten. Die Marke Merkur wird beibehalten, obschon sie laut Hartmann etwas verstaubt ist. «Es ist günstiger, eine verkrustete Marke zu entstauben, als eine neue aufzubauen», sagt er.
  • Erst vor zwei Jahren wurden die bestehenden sechs Gastrokonzepte aufgegeben und stattdessen ein neues aufgebaut: Coffeeshops der Marken «Spettacolo» und «Buffet Espresso». «Wir betraten damals eine grüne Wiese», sagt Hartmann in Anspielung auf die Tatsache, dass nun zahlreiche andere Player auf dieser Wiese zu grasen beginnen. Derzeit führt Valora sieben Spettacolo, weitere zehn Standorte könnten noch in diesem Jahr folgen. Die Gewinnmarge dieses Geschäfts gibt Hartmann nicht in Zahlen, doch immerhin in Worten bekannt. «Wir verdienen ein Heidengeld mit Spettacolo.» Er spricht von einem Gewinn in «Schwindel erregender Höhe», einem «Lucky punch».
  • Alles andere als ein «Lucky punch» ist hingegen die Schlafsparte, die immer noch einen Käufer sucht und ebenfalls Managementkapazitäten bindet. «Das komplexeste Projekt, das ich je geleitet habe», sagt der frühere IBM-Manager dazu. Das Problem: Slumberland besteht aus einem gesunden und einem kranken Teil. Soll man das Ganze en bloc verkaufen? Für Hartmann sind weiterhin alle Optionen hoffen. Immerhin soll der Handel bis Ende März endgültig abgeschlossen sein.


Analysten skeptisch

All das scheint Analysten und Investoren nicht mehr vom Stuhl zu reissen. Die selben Analysten, die vor einem Jahr die Aktie bei einem Kursstand von 470 Franken zum Kauf empfahlen, haben den Titel beim heutigen Niveau von unter 340 Franken auf neutral eingestuft. Die Ursache dieser neuen Einschätzung liegt in einer glücklosen Kommunikationspolitik, wie sie in diesen Spalten wiederholt thematisiert wurde. Immerhin: Mit dem gestrigen Mediengespräch wollte Hartmann dokumentieren, dass man ernsthaft gewillt ist, offen zu kommunizieren. Nun, mit positiven Nachrichten hat sich Hartmann noch nie hinterm Berg gehalten. Das Vertrauen kommt erst dann wieder zurück, wenn bei den vielfältigen Projekten konkrete Zahlen vorliegen.

 

Erschienen in der BZ am 19. Januar 2001

Claude Chatelain