Den Fünfer und das Weggli in einem

Wandelanleihen haben ein vorteilhaftes Renditerisikoprofil. Sie gewähren den Fünfer unds Weggli. Dass sie dennoch ein Schattendasein fristen, ist ihrer komplizierten Ausstattung zu verdanken.

Die Wandelobligation gehört nicht zu jener Gattung von Wertschriften, welche in jedem Portefeuille zu finden ist. Eigentlich schade, findet auch Matthias Wägli aus Ostermundigen. In seiner kürzlich fertig erstellten Diplomarbeit an der HSW Bern zieht er das Fazit: «Fest steht, dass jeder Anleger unabhängig von seinem Risikoprofil mit Wandelanleihen Vorteile erzielen kann.» Denn Wandelobligationen korrelieren nicht genau mit Aktien und Obligationen. Dadurch ergeben sich Diversifikationsvorteile. «Die Aufnahme von Wandlern in ein Portefeuille erhöht bei gleich bleibendem Risiko die zu erwartende Rendite. Oder sie senkt das Risiko bei gleich bleibender Rendite», stellt Wägli fest. In der Fachsprache: Die Wandelobligation hat ein vorteilhaftes Rendite-/Risikoprofil.

 

Obli mit Call-Option

 

Eine Wandelobligation erteilt dem Besitzer das Recht, die Obligation nach einer klar definierten Frist in eine Aktie umzutauschen, wobei der Preis des Umtauschwertes im Voraus bestimmt ist. Dieses Konstrukt gewährt dem Anleger den Fünfer unds Weggli. Erzielt die dem Wandler zu Grunde liegende Aktie einen enttäuschenden Kursverlauf, kann man getrost aufs Wandelrecht verzichten und die Obligation auslaufen lassen. So gesehen erhält die Obli den Charakter eines Sicherheitsnetzes. Allerdings sind solche Anleihen mit einem tiefen Zins ausgestattet. Dieser tiefe Zins ist der Preis für die Chance, von einem steilen Aktienkursanstieg profitieren zu können.

 

Bis hierher scheint der Wandler noch recht einfach zu sein. Nun aber gibt es einige Haken und Ösen. Die zum Teil komplizierten Einschränkungen machen das Papier schwer verständlich. Und da der Anleger eine natürliche Abneigung gegen alles Unverständliche hegt, finden Wandelobligationen auch keinen reissenden Absatz.

 

1. Problem: Kündigung

 

Ein Haken verbirgt sich etwa in einer vorzeitigen Rückzahlung durch den Emittenten. Durch eine unerwartete Rückzahlung wird nämlich die Wahlfreiheit des Anlegers eingeschränkt. Wohl werden Schutzperioden definiert, in welcher keine Rückzahlung erfolgen darf. Doch der Laie ist überfordert, vorteilhafte von unvorteilhaften Kündigungsklauseln zu unterscheiden.

 

2. Problem: Verwässerung

 

Ein weiteres Problem ist jenes der Verwässerung: Eine solche entsteht etwa bei einer Kapitalerhöhung. Bei bestehenden Aktionären wird eine allfällige Verwässerung über das Bezugsrecht geregelt. Aber wie verhält es sich bei Wandelobligationären, die den Umtausch noch nicht vollzogen haben? Auch diese Frage wird meist in den Emissionsbedingungen beantwortet. Aber auch hier wird der wenig geübte Anleger kaum beurteilen können, ob er später den Kauf des Wandlers nicht bereuen wird.

 

3. Problem: Bewertung

 

Schliesslich ist die Bewertung von Wandelobligationen kein Zuckerlecken. Es müssen die Bewertungsinstrumente von Obligationen, Optionen und Aktien herangezogen werden. Ein durchschnittlicher Anlageberater wird nicht in der Lage sein, den Preis einer Wandelobligation zu bewerten. So sind zum Beispiel auf den Kurslisten lediglich die bezahlten Kurse für Wandelanleihen aufgeführt. Doch mit dieser Angabe allein kann selbst der Profi nichts anfangen. Aussagekräftiger ist dagegen die Wandelprämie, welche bei der Bank nachgefragt werden muss. Diese Prämie ist der Aufpreis, den der Investor bezahlt, wenn er die Aktie über den Wandler und nicht direkt am Aktienmarkt erwirbt.

 

4. Problem: Bonität

 

Schliesslich gilt es zu betonen, dass das genannte Sicherheitsnetz nicht jedem Sturm standhalten wird. Es schützt wohl vor einem Kurssturz der Aktie, nicht aber vor der Zahlungsunfähigkeit des Emittenten. Für Gion Reto Capaul, Spezialist für Wandelobligationen bei der Zürcher Kantonalbank, ist daher die Bonität des Schuldners etwas vom Wichtigsten, was bei der Wahl des Wandlers zu beachten ist. Dies umso mehr, als die Bonität von Wandelanleihensemittenten im Schnitt tiefer liegt als bei Herausgebern konventioneller Obligationen.

 

Statistisch erhärtet

 

Dieser Einschränkungen zum Trotz: Der Kauf von Wandlern ist mindestens eine Prüfung wert - schon aus Diversifikationsgründen. Das beweist auch die Statistik: Mit einem durchschnittlichen Jahresertrag von 11,8 Prozent haben amerikanische Wandelanleihen in den Jahren 1973 bis 1998 gegenüber langfristigen Unternehmensanleihen jährlich einen Zusatzertrag von mehr als 2 Prozentpunkten erzielt - und zwar ohne zusätzliches Risiko, wie Swissca kürzlich in einem Infobrief darlegte. Mit Anlagen im Aktienindex S&P-500 gabs im gleichen Zeitraum eine durchschnittliche Jahresrendite von 13,7 Prozent - hier freilich mit einem beträchtlich höheren Schwankungsrisiko.

 

Erschienen im CASH am 29. Dezember 2000

Claude Chatelain