«Der Arbeitskräftemangel ist sehr akut»

Philipp Vorndran sagt einen markanten Mangel an Arbeitskräften voraus.
Philipp Vorndran sagt einen markanten Mangel an Arbeitskräften voraus.

Nach der Überzeugung von Philipp Vorndran von der Credit Suisse Asset Management wird Europa von einem drastischen Arbeitskräftemangel heimgesucht - aus demografischen Gründen.

Herr Vorndran, nach Einschätzung des Staatssekretariats für Wirtschaft fehlt es in der Schweiz bald an Arbeitskräften. Überrascht Sie das?

Philipp Vorndran: Nein, überhaupt nicht. Ich frage mich höchstens, ob die Aussage «bald» überhaupt richtig ist. Ich habe eher das Gefühl, dass der Arbeitskräftemangel sehr akut ist und sich die Situation in den nächsten Jahren dramatisch verschlechtern wird.

 

Warum kommt diese Einschätzung so spät? Vor zwei Jahren hat noch niemand davon gesprochen, dass es bald an Arbeitkräften mangeln werde.

Wer seine Hausaufgaben gemacht und die demografischen Trends verfolgt hat, ist über diese Aussage nicht erstaunt.

 

Warum wurden die Hausaufgaben nur im stillen Kämmerlein gemacht und die Ergebnisse nicht an die Öffentlichkeit getragen?

Über die demografische Entwicklung macht man sich schon seit vielen Jahren Gedanken. Man hat aber das Phänomen stets nur an einer Fragestellung aufgehängt, nämlich am Pensionskassensystem. Dabei hat man vergessen, dass die demografische Entwicklung auch auf zwei andere Bereiche übergreifen wird: Die Gesundheitsvorsorge und das Wirtschaftswachstum.

 

Ist demnach der Arbeitskräftemangel vorab mit der demografischen und nicht mit der konjunkturellen Entwicklung zu erklären?

Beides ist richtig. Kurzfristig greift die konjunkturelle Situation, mittelfristig die Demografie.

 

Auf der anderen Seite nimmt die Produktivität doch überproportional zu. Vermag diese den Arbeitskräfterückgang nicht zu kompensieren?

Das ist momentan nur Wunschdenken. Eine steigende Wachstumsrate der Produktivität ist bis anhin nur in den USA zu beobachten. Weder in Japan noch in Europa kann man einen Anstieg des Produktivitätswachstums oberhalb des Trends der letzten 15 Jahre konstatieren, zumindest wenn wir den Statistiken glauben dürfen. Bislang ist es nur eine Hoffnung, dass der Mangel an Arbeitskräften durch eine höhere Produktivität kompensiert werden kann.

 

Müssen wir uns demnach auf zweistellige Inflationsraten einstellen?

Nein. Es gilt zwei Trends zu unterscheiden. Zum einen ist zwar mittelfristig mit einem markanten Lohnanstieg zu rechnen. Gleichzeitig gibt es aber strukturelle, deflationäre Trends. Dies als Folge der Globalisierung der Wirtschaft und der erhöhten Transparenz, entstanden durchs Internet. Stellt man diese Trends gegenüber, so ist über die nächsten fünf Jahre mit einer gemässigten Inflationsrate zwischen 1,5 und 3 Prozent zu rechnen.

 

Also ganz positive Nachrichten: höhere Löhne bei mehr oder weniger konstanten Preisen? Genau, zumindest für den Arbeitnehmer. Das Kräfteverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer dürfte sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren dramatisch verschieben. Das haben die Unternehmen heute bereits realisiert. Sie machen sich Sorgen, wie sie in den nächsten Jahren die Arbeitsplätze besetzen wollen. Sie machen sich Gedanken darüber, wie sie als Arbeitgeber für ihre Angestellten interessant bleiben. Und was sie für Strategien fahren müssen, damit sie trotz Arbeitskräftemangel neue Angestellte finden werden.

 

Das ist relativ schwierig nachzuvollziehen, wenn man an die Arbeitslosenzahlen im Ausland denkt.

Das gilt vorläufig erst für die Schweiz. Insofern machen wir schon heute die Probleme durch, die im übrigen Europa erst in drei oder vier Jahren auftreten werden. Die Schweiz kann also schon üben, während das übrige Europa noch in der Seligkeit schläft, über einen hohen Arbeitskräftepool zu verfügen. Das wird zu einem Wettbewerbsvorteil für die Schweiz.

 

Inwieweit werden auch ältere Arbeitnehmer von dieser Entwicklung profitieren?

Wir sollten endlich mit dem Mythos aufhören, dass die älteren Arbeitnehmer nicht mehr gefragt seien. Wenn diese Behauptung stimmen würde, hätten wir eine deutlich höhere Arbeitslosigkeit. Es ist völlig unrealistisch zu glauben, man werde in Zukunft mit 60 oder früher in Rente gehen können. Ich sage das nicht, weil die AHV bei einer Herabsetzung des Rentenalters nicht mehr finanzierbar wäre, sondern weil die Wirtschaft diese Arbeitskräfte ganz einfach braucht. Das Rentenalter von 65 ist eingeführt worden, als die Lebenserwartung um einige Jahre tiefer war als heute. Schon deshalb würde es Sinn machen, das AHV-Alter von 65 anzupassen - und zwar nicht nach unten, sondern nach oben. Ich persönlich bin der Meinung, das Rentenalter müsste proportional an die Lebenserwartung gekoppelt werden.

 

Das steht der Entwicklung, wie wir sie bei der Post und der Swisscom gesehen haben, völlig entgegen.

Auch bei den Banken gab es vor fünf Jahren grosse Restrukturierungsprogramme. Nun sind die Arbeitgeber bemüht, die Leute aus dem Pensionssystem wieder herauszuholen und in den Arbeitsprozess einzubinden. Es ist natürlich sehr schwierig, diese Mitarbeiter wieder zu motivieren. Nicht selten wurden sie mit sehr interessanten Rentenformen in den frühzeitigen Ruhestand gesetzt. Doch mittlerweile machen sich Frührentner zunehmend Gedanken darüber, eine Teilzeitstelle anzunehmen, speziell im Bankenbereich. Diese Entwicklung wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Wir werden eine Veränderung im Arbeitsumfeld erleben, wie wir es uns noch gar nicht vorstellen können.

 

Was wäre das zum Beispiel?

Eine noch stärkere Partizipation der Frauen, ein fliessender Übergang vom Arbeits- ins Rentenleben und eine höhere Bedeutung des Arbeitsplatzes zu Hause. Ferner werden immer mehr Leute für mehrere Arbeitgeber tätig sein. Und all dies vor allem deshalb, weil sich die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer markant verstärken wird.

 

 

ZUR PERSON

Philipp Vorndran ist Managing Director und Chef-Stratege der Credit Suisse Asset Management in Zürich. Sein Wirtschaftsstudium absolvierte er an der Universität Würzburg. Bevor er 1991 zur Bank Julius Bär stiess, war er wissenschaftlicher Mitarbeiter und hielt Vorlesungen über die modernen Portfoliotheorien. Bei der Bank Julius Bär arbeitete er als Portfolio Manager sowohl im

VIP-Bereich des Private Banking als auch für derivative Fonds. Seit 1997 ist Philipp Vorndran Leiter Globale Strategie. Er ist verantwortlich für die Asset Allocation und das Währungsmanagement bei der Credit Suisse Asset Management.

 

Erschienen in der BZ am 18. November 2000


Claude Chatelain