Offener Brief: «Ich bitte um etwas mehr Diskretion»

Sehr geehrte Damen und Herren von Profitline: Es ist ja nett, dass Sie mir ein Geschenk machen wollen, wenn ich Ihnen jemanden vermittle. Aber ich habe nie ein solches Geschenk gewollt, von einer Vermittlungsprovision ganz zu schweigen.

Wenn ich also einer Bekannten vom gleichen Dorf, die ich übrigens nur entfernt kenne, Ihre Dienstleistungen empfehle, so tue ich dies aus dem ganz uneigennützigen Grund, dieser Person einen Dienst zu erweisen. Es kostet ja nichts. Empfohlen habe ich Ihr Produkt übrigens nur deshalb, weil Profitline meines Wissens eine vorteilhafte Gebührenstruktur aufweist und Produkte verschiedener Gesellschaften anbietet. Von der Geschwätzigkeit Ihrer Mitarbeiterinnen hatte ich keine Ahnung.

Es ist mir äusserst peinlich, wenn Sie sich bei meiner Bekannten erkundigen, wer ihr die Adresse von Profitline empfohlen hatte. Die entfernt Bekannte - in unserem Dorf kennt man nicht alle beim Namen - konnte sich lediglich an den Vornamen erinnern. Selbstverständlich kannte sie auch den Wohnort und schliesslich, so sagte sie, habe er einen französischen Namen. Dann das bekannte Computergeräusch im Telefonhörer und schon nannte Ihre Mitarbeiterin - es war eine Frau - meinen Namen. Die entfernt Bekannte von der anderen Seite des Dorfes wusste somit auf Anhieb, dass ich bei Ihnen Kunde bin. Womöglich hegte sie sogleich den Verdacht, ich hätte ihr Profitline auch nur deshalb empfohlen, weil ich dann in den Genuss einer Provision komme. Dieser Verdacht, sehr geehrte Damen und Herren von Profitline, ist mir sehr unangenehm.

Zum Glück ist Profitline keine Bank, sonst müsste aufgrund dieses Vergehens die Untersuchungsbehörde bei Ihnen vorstellig werden. Die Verletzung des Bankgeheimnisses ist ein Offizialsdelikt. Doch auch für einen Vertreiber von Anlagefonds ohne Bankenlizenz dürfte man etwas weniger Geschwätzigkeit erwarten. Oder verkaufen Sie etwa Namen und Adresse auch noch in Form von Klebeetiketten? Ich bitte um etwas mehr Diskretion.

Auch ich werde wohl nicht darum herum kommen, beim Empfehlen Ihrer Adresse - sei es privat oder über diese Zeitung - vermehrt Zurückhaltung zu üben.

 

Erschienen in der BZ am 6. Oktober 2000

Claude Chatelain