Rat in der BZ: Zertifikate statt Anlagefonds

Einen grossen Teil meines Vermögens habe ich in Anlagefonds investiert. Ein Kollege versucht mich seit länger Zeit zu überzeugen, Index-Zertifikate statt solche Aktienfonds zu kaufen. Die Rendite sei höher und die Gebühren tiefer. Irgendwie bin ich skeptisch, da man von solchen Zertifikaten nie etwas hört. Ist das nicht eher etwas für Profis? I. L., Biel

Es stimmt, dass Profis der Finanzmaterie oft Index-Zertifikate statt Anlagefonds kaufen. Das heisst aber nicht, dass solche Zertifikate nur Profis zu empfehlen sind. Dies etwa im Unterschied zu den meisten derivaten Finanzinstrumenten, vor deren Gebrauch ich nicht genug warnen kann.

Zum Kauf von Index-Zertifikaten braucht es nicht jene Berufskenntnisse wie bei Derivaten. Zertifikate sind vergleichbar mit Anlagefonds. Nur sind sie weniger bekannt, weil sie von den Banken weniger bekanntgemacht werden. Der Grund dieser zurückhaltenden Bewerbung: Mit Anlagefonds lässt sich mehr Geld verdienen.

 

Zertifikate sind verbriefte Wertpapiere, die einen Börsenindex eins zu eins abbilden. Insofern erfüllen sie den gleichen Zweck wie Index-Fonds. Die Unterschiede von Index-Zertifikaten und Index-Fonds:

  • Zertifikate sind befristet. Die Laufzeit beträgt ein bis drei Jahre.
  • Zertifikate haben eine hohe Preistransparenz. Die Kursentwicklung verläuft parallel zur Entwicklung des entsprechenden Länder-, Regionen- oder Branchenindexes.
  • Zertifikate sind im Unterschied zu Fonds eine jederzeit vollinvestierte Anlage ohne Liquiditätsbestand.
  • Bei Zertifikaten bleibt das zugrundeliegende Portefeuille stabil. Die Performance wird daher nicht durch Transaktions- und Verwaltungskosten verringert.
  • Erwirbt man Zertifikate bei Emission, so entfällt auch die Courtage, derweil bei Indexfonds eine Ausgabekommission von meist 1 Prozent draufgeschlagen wird.

 

Also lauter Vorteile der Zertifikate gegenüber Anlagefonds? Nicht ganz. Die beschränkte Laufzeit kann sich nachteilig auswirken. Wohl werden die Emissionshäuser bei Fälligkeit ein neues, vergleichbares Produkt auf den Markt bringen, das vom bisherigen Besitzer meist spesenfrei gezeichnet werden kann. Dieses sogenannte Rollen ist jedoch nicht in jedem Fall gewährleistet.

 

Ein anderer Nachteil von Zertifikaten, der in gleichem Masse auch für Index-Fonds gilt: Bei Baissephasen wird die Talfahrt ungebremst mitgemacht. Bei aktiv gemanagten Anlagefonds wird der Anleger dagegen oft vor grösseren Verlusten verschont, indem die Fondsmanager durch Liquiditätspositionen und Absicherungsinstrumente den Kursrückgang in Grenzen halten.

 

Und trotzdem: Fondsmanager sind bestrebt, eine Performance zu erreichen, die über der im voraus bestimmten Messlatte liegt. Diese sogenannte Benchmark entspricht meist einem Börsenindex. Die Erfahrung zeigt, dass diese Benchmark in der Mehrzahl der Fälle nicht erreicht werden kann. Aus diesem Grunde pflichte ich Ihrem Kollegen bei: Index-Zertifikate sind Anlagefonds vorzuziehen oder zumindest in einem Portefeuille neben anderen Anlagen zu berücksichtigen.

 

Erschienen in der BZ am 7. Juli 1999

Claude Chatelain