Beim Leisure-Fund von Pictet wird der Freizeitbegriff arg strapaziert

Bierbrauerei im Freizeitfonds.
Bierbrauerei im Freizeitfonds.

Der Pictet-Leisure-Fund gründet auf der Überzeugung, dass die Freizeitindustrie schneller wächst als der Rest der Wirtschaft. Doch der Branchenfonds weist einige Mängel auf.

Was haben Heineken, Kuoni, McDonald's und American Airlines gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel; auf den zweiten auch nicht. Dennoch findet man deren Aktien im Portefeuille des Leisure-Fund von Pictet - dem dritten Branchenfonds der Genfer Privatbank - nach dem Biotech- und dem Telecom-Fonds.

 

Solche Branchen- oder Sektorfonds zeichnen sich dadurch aus, dass sie ausschliesslich in Unternehmen aus einer klar definierten Branche investieren, der ein überdurchschnittliches Wachstum prophezeit wird. Nach Ansicht der Genfer Privatbank gehört auch die Freizeitindustrie zu den Wachstumsbranchen. Dies im wesentlichen aus drei Gründen:

  • Die Leute haben immer mehr Geld zur Verfügung
  • Die durchschnittliche Arbeitszeit nimmt ab, und damit nimmt die Freizeit zu
  • Die Leute werden immer älter und haben mehr Zeit zum Reisen

Diese drei Trends, kürzlich in Bern an einer Präsentation als neue Erkenntnis dargestellt, sind alles andere als neu: Vor über 25 Jahren nannte der Berner Tourismus-Professor Jost Krippendorf im Hörsaal 20 der Uni Bern genau diese drei Faktoren zur Begründung der wachsenden Freizeitgesellschaft. Ob die Faktoren in ihrer absoluten Form noch immer die gleiche Gültigkeit haben, ist aber zumindest fraglich.

 

Alkohol ist Freizeit

 

Hinzu kommt, dass Pictet den Freizeit-Begriff ziemlich strapaziert. Auch Sportartikel, Medien, Unterhaltung, alkoholische Getränke, Restaurants, Spiele und Luxus gehören in diesen Bereich. Der Grund: Es gibt auf der Welt zu wenig börsenkotierte Reiseunternehmen, Hotelketten und Freizeitparks, um ein genügend breites Spektrum an Freizeitaktien zu erhalten. Also expandiert man das Anlageuniversum mit verwandten Gebieten, wie sie eben genannt wurden. Auf diesem Wege erreicht der Pictet Leisure Fund ein Anlagespektrum von rund 500 Gesellschaften.

 

Der Mangel an börsenkotierten Freizeitunternehmen zeigt sich übrigens auch im Vergleichsindex, dem sogenannten Benchmark. Beim MSCI Leisure & Tourism wird fast die Häfte der Marktkapitalisierung von Walt Disney und McDonald's bestritten. Aus diesem Grund orientiert sich Pictet auch nur beschränkt an diesem Index.

 

Mehr Geld für Big Macs?

 

Sollten sich also die oben genannten Trends bestätigen, so profitiert die klassische Freizeitindustrie von einer wachsenden Nachfrage. Weshalb aber mehr Bier getrunken werden soll, weil die Leute mehr Geld und mehr Freizeit zur Verfügung haben, ist zumindest zu hinterfragen. Ebenso ist nur bedingt einzusehen, weshalb McDonald's davon profitieren soll, dass die Leute mehr Geld in der Tasche haben. Aus dem hohlen Bauch heraus ist eher anzunehmen, dass sich der «Homo oeconomicus» gepflegtere Essgewohnheiten aneignet, sofern es sein Portemonnai erlaubt.

 

Fragmentierte Branchen

 

Fluggesellschaften hingegen profitieren sehr wohl von der wachsenden Freizeitgesellschaft. Doch das grosse Geld verdienen sie mit den Geschäftsreisenden. Dieser Markt ist in ausgeprägtem Masse von den Konjunkturzyklen abhängig und gehorcht somit anderen Trends als die Freizeitindustrie.

 

Für Pictet gibt es neben den einleitend erwähnten Gründen noch weitere Argumente für das überdurchschnittliche Potential der genannten Branchen. Einer davon ist die starke Fragmentierung. Fonds-Manager Mark Brumby leitet daraus ab, dass diesen Branchen eine grosse Konsolidierungswelle bevorsteht. Das Resultat davon seien tiefere Produktionskosten und höhere Margen.

 

Vier Untersektoren

 

Die heterogene Struktur dieses Fonds führt dazu, dass Pictet vier Untersektoren definiert (siehe Kasten). Auch der Beirat wird aufgrund dieser Unterteilung zusammengestellt. Ihm gehören Max Katz von Kuoni, Michel Perraudin von Adidas-Salomon, Sebastian Escarrer von Sol Melia, Derek Reisfield von CBS News Media und Richard Denekamp von Sony Music an.

 

Unter dem Emissionspreis

 

Der Fonds wurde in der zweiten Märzhälfte zu einem Ausgabepreis von 100 Dollar pro Anteil zur Zeichnung aufgelegt. Ende letzter Woche kostete ein Anteil weniger als 97 Dollar. Der Fonds ist übrigens in zwei Klassen aufgeteilt: Beim Class I beträgt die Managementgebühr 0,9 Prozent, dafür wird ein Mindest-Engagement von 250 000 Dollar vorausgesetzt. Beim allgemein offenen Class II wird eine Managementgebühr von 1,5 Prozent in Rechnung gestellt.

 

Erschienen in der BZ am 4. Juni 1999

Claude Chatelain