Vorsicht ist am Platz - trotz allem

Die zehn von der Berner Zeitung BZ befragten Portfolio-Manager üben sich in Zurückhaltung. Der Aktienanteil ihrer Portefeuille-Empfehlungen ist bescheiden und liegt im Schnitt tiefer als im letzten Jahr.

In zwei Punkten sind sich die Portfolio-Manager von Banken auf dem Platz Bern einig: Die Zinsen bleiben unten, und die Schätzungen der künftigen Unternehmensgewinne sind eher zu hoch gegriffen. André Nydegger von der Atag Asset Management bringt es auf den Punkt: «Das Börsenjahr 1999 wird von einem rückläufigen Gewinnwachstum der Unternehmen und gleichzeitig sinkenden Zinsen in Europa und den USA geprägt sein.»

 

Zwei Kräfte am Werk

 

Somit sind zwei Kräfte am Werk, die sich gegenseitig neutralisieren: Die tiefen Zinsen sprechen für ein verstärktes Aktien-Engagement; eine Rückstufung der Gewinnschätzungen hingegen bewirkt just das Gegenteil. Somit stellt sich mit Marino de Pol von der Valiant Bank die Frage, «ob die Gelder in die vermeintlich unattraktiven Bondmärkte eingesetzt, oder ob sie mangels Alternativen erneut in die Aktienmärkte einfliessen werden. Es ist anzunehmen, dass vorerst wohl das Zinsargument die verschlechterten Gewinnaussichten der Unternehmen ausstechen wird», meint Marino de Pol.

 

Analysten gegen Manager

 

Bemerkenswert ist der Umstand, dass fast alle Portfolio-Manager davon ausgehen, dass die Gewinnschätzungen zu hoch gegriffen seien und demnächst nach unten korrigiert werden müssten. Dies entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Schliesslich werden diese Schätzungen nicht von irgend jemandem gemacht, sondern von ihren Berufskollegen der Anlayse-Abteilungen.

 

Tiefer Aktienanteil


Erstaunlich ist ausserdem, wie die Portfolio-Manager den Aktienanteil ihrer Portefeuilles doch eher tief halten. Handelt es sich doch beim «Muster--Anleger» um eine Person mit einem langen Anlagehorizont und einer ausdrücklichen Risikobereitschaft. Nur gerade Beat Burri von der Privatbank von Graffenried und Anton Lienhardt von der Bank von Ernst - der übrigens im letzten Jahr noch im Namen der ABN Amro an dieser Umfrage mitmachte - haben ein Portfolio mit 100 Prozent Aktien zusammengestellt. Bei der letztjährigen Umfrage lag der Aktienanteil im Schnitt höher.

 

Plädoyer für Anlagefonds

 

Die Portefolio-Manager wurden gebeten, ein Portefeuille bestehend aus Anlagefonds zusammenzustellen. Nur Anlagefonds können bei einem Depot von 300 000 Franken dem Gebot der Diversifikation Genüge tun. Allerdings lässt sich nicht abstreiten, dass manche Anleger auch bei begrenzten Vermögen bestimmte Aktien herauspflücken und sich im sogenannten «Stock-picking» üben - Portfolio-Theorie hin oder her.

 

«Zürich» vor Pharma

 

Aus diesem Grunde geben neun von zehn Portfolio-Manager auch Aktientips zum besten. Nebenwerte stehen dabei nicht in der Gunst der Spezialisten. Nur gerade Feintool, Valora und Gurit erhalten je eine Nennung. Der «heisseste» Tip gilt indessen Zürich Allied mit sechs Nennungen. Roche und Novartis folgen mit je vier Nennungen, vor UBS und Holderbank. Drei von diesen fünf Valoren standen bereits im letzten Jahr zuoberst auf der Liste. Die letztjährigen Favoriten hiessen Nestlé, Zürich, Roche und UBS.

 

Übrigens: Prognosen verkommen schnell zur Makulatur. Die BZ will es nicht soweit kommen lassen. In zwölf Monaten sollen die nebenstehenden Portefeuilles und Aktientips ausgewertet und miteinander verglichen werden. Auch die letztjährige Umfrage ist bei uns nicht vergessen gegangen: Die Auswertung jener Empfehlungen wird Anfang Januar publiziert.

 

Eine Art Börsenspiel

 

Es kann nicht oft genug eingeschränkt werden, dass eine Gegenüberstellung der Resultate ihre Tücken hat. Die Portfolio-Manager gehen von einem Anlagehorizont von mindestens zehn Jahren aus. Konsequenterweise könnte ein echter Vergleich auch erst nach zehn Jahren vollzogen werden. Wir wollen das nicht so eng sehen und mit dem Vergleich nicht zehn Jahre zuwarten. Dafür aber müssen wir einräumen, dass wir mit einem einjährigem Vergleich den Portfolio-Managern nicht ganz gerecht werden. Der Vergleich ist daher nicht als «hard facts» zu betrachten, eher als eine Art Börsenspiel.

 

KOMMENTAR: Der Schock sitzt tief

Von der BZ befragte Portfolio-Manager üben sich in Zurückhaltung. Ihre Prognosen zum Börsenjahr 1999 sind vorsichtig formuliert. Sie weisen verstärkt auf die diversen Risiken hin. Die Chancen werden dagegen kaum erwähnt. Das ist nicht selbstverständlich.

Aufgrund des weltwirtschaftlichen Umfeldes spricht nämlich einiges für ein verstärktes Aktien-Engagement:

  • Die Zinsen bewegen sich auf Tiefstständen und dürften laut Prognosen eher noch tiefer sinken.
  • Der Konjunkturmotor wird gegen Ende 1999 wieder an Fahrt gewinnen.
  • Die Aktienbörsen haben frühere Übertreibungen gestraft und massiv korrigiert.

Doch für viele Börsianer sind die Aktien noch zu hoch bewertet. Sie fürchten, die geschätzten Unternehmensgewinne - neben den Zinsen der wichtigste Bestimmungsfaktor von Aktienkursen - würden nach unten korrigiert.

 

Vor zwölf Monaten war die Einstellung der Portfolio-Manager spürbar optimistischer. Und auch in den Monaten Mai bis Juli, als die Börsen von Rekord zu Rekord eilten, gewann man den Eindruck, ein Aktienkurs könne sich nur in eine Richtung bewegen - nach oben. Inzwischen ist einiges passiert. Gemeint ist hier nicht ein verändertes wirtschaftliches Umfeld, sondern der im Spätsommer erfolgte «Börsencrash in Raten». Diese Korrektur hat manchen Investor auf dem falschen Fuss erwischt und eine alte Erkenntnis in Erinnerung gerufen: Die Börse ist keine Einbahnstrasse. Der unverdaute Schock ist es, der die Börsianer zu Zurückhaltung mahnt. Insofern hatte dieser Crash auch sein Gutes.

 

Erschienen in der BZ am 23. Dezember 1998

Claude Chatelain