Mit schöner Regelmässigkeit sorgen Übernahmegerüchte für Aufregung

Auch Quaker Oats ist ein potenzieller Übernahmekandidat
Auch Quaker Oats ist ein potenzieller Übernahmekandidat

CPC International, General Mills, H.J. Heinz, Quaker Oats, Wrigley: Alles amerikanische Nahrungsmittelfirmen, deren Aktien in den letzten Monaten Kurssprünge verzeichneten, ohne dass fundamentale Gruende auszumachen wären. Sie alle haben in den letzten vier Monaten Avancen von rund 10 Prozent verzeichnet und gelten als potentielle Übernahmekandidaten.

"Jedesmal, wenn eine Food-Aktie nach oben schnellt, heisst es, Nestle übernimmt sie", umschreibt Kurt Raymann von der Swiss American Securities in New York die Situation. Nicht fundamentale Faktoren treiben solche Valoren in die Höhe, sondern hartnäckige Übernahmegerüchte. Ansonsten wären die Titel der Nahrungsmittelindustrie kaum gefragt.

 

In Phasen des wirtschaftlichen Aufschwungs neigen die Investoren zu kapitalintensiven und zyklischen Branchen, nicht aber zu defensiven Valoren von Pharma- und Nahrungsmittelfirmen.

Damit nicht genug: Die Nahrungsmittelproduzenten befinden sich auch sonst in einem widrigen Umfeld. Alle die Discounter und sogenannten "Warenhaus-Clubs" sorgen für einen derart harten Wettbewerb, dass die Marktteilnehmer zu drastischen Kostensenkungen gezwungen werden, wollen sie der Margenerosion Einhalt gebieten. Zu diesem Zweck wurden vielerorts die Inventare abgebaut. Die Lieferungen kamen zu einem Stillstand. Nach der Meinung von Phillip M. Seligman, Food-Analyst beim Value Line Investors Service, dürfte dieser Prozess Ende des Kalenderjahres abgeschlossen sein, so dass ab 1995 mit normalen Wachstumsraten gerechnet werden kann. Im weiteren geht den Nahrungsmittelherstellern auch die wachsende Flut an Weiss- und Eigenmarken ans Mark. Während sich solche "Private Labels" in Europa bereits einer starken Präsenz erfreuen, sind sie in den USA erst im Kommen. Doch Michael Bungey, Chief Executive Officer der weltweit agierenden Werbeagentur Bates Worldwide, gibt sich im Gespräch mit der "HandelsZeitung" überzeugt, dass auch der Detaillist in den USA seine eigene Marke mit eigenem Werbegeld pflegen und die konventionellen Markenartikelhersteller vermehrt unter Druck setzen wird. Die Formel "tiefe Preise gleich schlechte Qualität" hat ausgedient. Als Konsequenz sind die Markenproduzenten in ihrer Preisgestaltung stark eingeschränkt.

 

Sandoz setzte den Tarif

 

Und wenn nun die "Food-Stocks" im Schlepptau des Konjunkturaufschwungs dennoch nicht in den Keller stürzten, so ist das den hartnäkigen Übernahmegerüchten zuzuschreiben. Fünf grössere Nahrungsmittelhersteller werden als potentielle Übernahmekandiaten gehandelt - und diese scheinen nun der gesamten Branche eine gewisse Kursphantasie zu verleihen. Dies wird zusätzlich durch den Umstand verstärkt, dass bei den jüngsten Akquisitionen happige Preise bezahlt wurden. Sandoz bezahlte für eine Gerber-Aktie 53 Dollar, entsprechend einer Prämie von 53 Prozent gegenüber dem Schlusskurs des vorangegangenen Boersentages. Auch Johnson & Johnson scheut sich nicht, für die Kosmetikfirma Neutrogena eine satte Prämie zu zahlen, wie letzte Woche bekannt wurde.

Das Nestlé-Headquarter in Glendale, Kalifornien.
Das Nestlé-Headquarter in Glendale, Kalifornien.

Kurz vor dem Merger?

 

So hat sich neustens die Spekulation verdichtet, CPC International werde sehr bald vom Nahrungsmittelriesen aus Vevey einverbleibt. Der Kurs von CPC schwankt um die 55, nachdem er Mitte Mai 44 Dollar notierte. Nach Gewaehrsleuten von "Business Week" will CPC für die Aktie 70 bis 80 Dollar haben. Die Verhandlungen sollen schon weit über die Evaluationsphase gediehen sein. Eine der Staerken von CPC liegt im ueberproportionalen Auslandsgeschäft: Rund zwei Drittel des Umsatzes und des Gewinns werden ausserhalb der USA erzielt. Bekannt ist das Unternehmen aus Englewood Cliffs, New Jersey, für die Knorr-Suppen, die Hellmann's Mayonnaise und das Mazola-Kornöl.

 

Was heute die CPC International, war im Juni noch die Quaker Oats Company aus Chicago. Quakers Kurs sprang in die Höhe, als Nestlé auf dem Kapitalmarkt Geld aufnahm. Und obschon Nestlé jegliche Übernahmegelüste leugnete, blieb Quakers Kurs hart an der Rekordgrenze. Bei einem "Buyout" dürfte Quakers Titel 95 bis 100 Dollar abwerfen, nur leicht über den heutigen 84 Dollar. Quaker Oats Stammprodukt ist das Fruehstuecksgetreide gleichen Namens. Doch das groesste Wachstumspotential wird im Sportgetränk Gatorade geortet, welches trotz dem Eintritt von Coca-Colas Power Ade einen Marktanteil von 80 Prozent beherrscht. 34 Prozent des Umsatzes und 26 Prozent des Betriebsgewinns werden im Ausland erzielt.

 

Bestens bekannt

 

Auch General Mills würde nach Meinung von Beobachtern sehr gut zu Nestlé passen. Der Cornflakes-Spezialist pflegt mit dem Schweizer Multi bereits einen regen Kontakt. Die beiden fuehren das Joint-venture-Unternehmen CPW (Cereal Partners Worldwide) für den Vertrieb von General Mills' Frühstücksgetreide in Europa. Im Bereich der diversen "Cornflakes"-Arten liegt General Mills hinter Kellogg auf Platz zwei. Daneben produziert das 8-Mrd-Dollar-Unternehmen aus Minneapolis die "Betty Crocker"-Desserts, Mehl der Marke "Gold Medal" und Seafood-Spezialitaeten. Freilich werden nur 65 Prozent des Umsatzes mit Lebensmitteln erzielt. Die restlichen 35 Prozent stammen aus den ueber 1000 Restaurants in Japan, Kanada und den USA. Sie tragen die Namen "Red Lobster" oder "The Olive Garden". Es ist allerdings fraglich, ob Nestle erneut ins Restaurant-Business einsteigen will, nachdem man sich endlich von den Stouffer-Restaurants loszusagen vermochte. Wie Nestle-Chef Helmut Maucher in seinem Buch "Marketing ist Chefsache" schreibt, will er von vertikaler Diversifikation nichts wissen.

Würde angeblich bestens zu Nestlé passen: Heinz.
Würde angeblich bestens zu Nestlé passen: Heinz.

In diesem Licht gesehen würde die H.J. Heinz Company aus Pittsburgh als reiner Nahrungsmittelproduzent schon besser zu den Waadtlaendern passen. Im Unterschied zu General Mills verfügt Heinz ueber eine breite internationale Präsenz. 43 Prozent des Umsatzes und 50 Prozent des Betriebsgewinns werden ausserhalb der Vereinigten Staaten erzielt, wogegen General Mills' Auslandsumsatz bloss 4 Prozent ausmacht. Hinzu kommt, dass die meisten Produktelinien von Heinz in den entsprechenden Märkten den grössten Marktanteil geniessen, so David A. Williamson, Food-Analyst bei der Swiss American Securities in New York. Heinz kennt man in erster Linie wegen Ketchup, Essig, Suppen, Essiggurken, Kindernahrungsmitteln und Katzenfutter "9 Lives". Auch die in der Schweiz bekannten Diaetprodukte und -programme mit dem Namen "Weight Watchers" gehoeren zu diesem Konzern. Sollte Heinz tatsächlich verkauft werden, müsste der Käufer laut Williamson um die 50 Dollar pro Aktie bezahlen, eine primäre Prämie von gut 30 Prozent.

 

In Familienhand

 

Man hat auch schon gehört, Nestlé interessiere sich für die Wm. Wrigley Jr. Company in Chicago. Wer sich Mauchers Buch zu Herzen nimmt, kann dieses Interesse zweifellos nachvollziehen. Die Nestlé-Gruppe sei nicht daran interessiert, schwache Unternehmen zu kaufen und aufzupäppeln, schreibt der Nestle-Boss. Vielmehr trachtet man nach Firmen mit einer starken Marke, einem langfristigen Wachstumspotential und gutem Marketing-Know-how. Alles Attribute, welche die Wrigleys mitbrächten. Ob sie freilich gewillt sind, die Kontrolle des Familienunternehmens aufzugeben, bleibt Gegenstand von Spekulationen.

 

Nicht nur Nestlé, auch Unilever und Philip Morris sollen intensiv um Nahrungsmittelhersteller buhlen. Die drei haben gemeinsam, dass sie finanziell auf einem soliden Sockel stehen. Doch im Unterschied zu Unilever und Philip Morris befindet sich Nestlé im Zugzwang. Wenn schon eine Akquisition, dann noch in diesem Jahr, wird sich der Schweizer Multi sagen. Ab 1995 - es wurde an dieser Stelle wiederholt geschrieben - gelten die Buchhaltungsregeln des International Accounting Standards (IAS). Dann wird man den Goodwill nicht mehr vom Eigenkapital abziehen und eine hoehere Eigenkapitalrendite ausweisen koennen.

 

Erschienen in der Handelszeitung am 1. September 1994

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Claude Chatelain