Noch gibt es Wolken über der Wallstreet

Der New Yorker Aktienmarkt steht erneut unter Verkaufsdruck. Dafür verantwortlich sind internationale Momente - etwa die eskalierenden Rohstoff-Preise, das verschlechterte Aussenhandelsdefizit, die Dollarschwäche und der Gefahrenherd Nord-Korea. Die einheimische Wirtschaftslage präsentiert sich aber weit besser, so dass manche Analysten davon ausgehen, das jüngste Gewitter werde bald vorüber sein und für den Herbst einer Schönwetterlage Platz machen.

Der Dow Jones Industrial Average (DJIA) büsste im ersten Halbjahr gut 129 Punkte und damit 3,4% ein. Gleichzeitig fielen der S&P-500 um 22 (4,7%) und der Nasdaq Composite Index um 70 Punkte (9,1%) zurück. Gegenüber dem Höchst von Ende Januar hat der DJIA sogar knapp 9% verloren. Erinnert man sich an die zum Teil schon fast hysterische Berichterstattung und Angstmacherei des zweiten Semesters 1993, als die Barometer von Rekord zu Rekord trieben, obschon die technischen wie auch fundamentalen Indikatoren eine andere Richtung verhiessen, so hätte man jetzt die Korrektur gesehen, wie sie seit knapp einem Jahr herbeigeredet wird.

Verunsicherung

Freilich ist es nicht die überhitzte Börse, die die kleine Baisse einleitete. Zuerst war es die Notenbank mit ihrer doppeldeutigen Zinspolitik. Die Obligationenhändler lasen aus den Fed-Aktionen höhere Inflationsraten heraus, was prompt die Obligationenpreise und mit ihnen die Aktienkurse nach unten zog. Und jüngstens ist es nun der Dollar, dem ohne offensichtlichen Grund der Boden unter den Füssen weggezogen wird, was zu einer allgemeinen Verunsicherung führt. Und was die Anleger über alles hassen, ist eine ungewisse Zukunft.

Was den Zerfall des Dollars betrifft, scheinen sich die Analysten ihre Aufgabe allzu einfach zu machen. Sie verweisen aufs mangelnde Vertraün in den US-Präsidenten - als ob man ihm jemals grosses Vertraün entgegengebracht hätte. "Wenn den Leuten das Vertraün in den Präsidenten und seinen Wirtschaftskurs fehlt, gerät die Valuta unter Druck", meint Richard Breeden von der Coopers & Lybrand und früherer Chairman der Wertschriftenbehörde SEC. Warum aber der Dollar erst heute eine Misstraünskundgebung durchführt, bleibt vorderhand offen. Breeden weist auf eine scheinbar widersprüchliche Lage hin: "Auf der einen Seite haben wir starke, wachstumsorientierte Fundamentals und - im Vergleich zu früher - relativ starke Massnahmen zur Kontrolle des Haushaltdefizits. Auf der anderen Seite verzeichnen wir historische Tiefstwerte gegenüber dem Yen, obschon die japanische Wirtschaft im Vergleich einen weit schwächeren Eindruck hinterlässt."

Exporteure profitieren

Der unterbewertete Dollar wird naturgemäss der exportorientierten Industrie zugute kommen. Das beträfe in erster Linie die Computerindustrie mit einem Exportanteil von 46% und in einem weniger ausgeprägten Masse die Bereiche Kohlenbergbau (36%), industrielle Maschinen (32%), Transportzubehör (23%), elektrische Apparate (21%) und Tabak (19%), wie einer Aufstellung der WEFA Group zu entnehmen ist. Doch selbst solche Firmen, welche normalerweise von einem tieferen Dollar profitieren, äussern sich eher ambivalent über die gegenwärtige Situation. Ein stetiger, aber langsamer Abwärtstrend wäre ihnen lieber als ein Kursverfall. Im weiteren wird oft übersehen, dass sich die Schwäche der US-Währung vorab auf den Yen und die DM bezieht, nicht aber auf den kanadischen Dollar. Doch der grösste Abnehmer amerikanischer Produkte ist immer noch das nördliche Nachbarland. So wartet man ungeduldig aufs nächste Treffen des für die Zinspolitik zuständigen Offenmarktausschusses. Der schwache Dollar gibt Anlass zur Vermutung, das Fed könnte eine weitere Zinsanpassung nach oben beschliessen. Sollte aber die Entwicklung der fundamentalen Wirtschaftsdaten ein Indiz sein, so scheint sich keine weitere Zinsrunde aufzudrängen. Die Zahlen bestätigen nämlich, dass der Wirtschaftsmotor bereits in einen tieferen Gang geschaltet hat. Die vom Fed gesteürten Zinsschübe, die am 4. Februar ihren Anfang nahmen, verfehlten ihre Wirkung nicht. Am 22. Juni erklärte Fed-Chairman Alan Greenspan beim Hearing vor einem Abgeordnetenausschuss, die Preistrends hätten trotz verstärkter Wirtschaftsaktivität und fallender Arbeitslosenzahlen "gebändigt" werden können. Und da nun für die nahe Zukunft ein eher moderates Wachstum antizipiert wird, sind erst recht keine Preisschübe zu erwarten. Die Fasspreise für öl notieren seit Mitte Juni um einen Dollar tiefer. Und selbst die Rohstoff-Preise haben nachgelassen, obschon der Frost in Brasilien die Kaffeenotierungen in die Höhe trieb.

Keine Priorität

Wie die Geschichte lehrt, hat sich das Fed nie gross um den "Greenback" gekümmert. Die Priorität galt innenpolitischen Themen wie Wachstum und Inflation. Sollte die Notenbank der Meinung sein, diese Ziele seien erreicht, wird sie wohl kaum die Zinssätze anziehen, allein um den Dollar zu stützen. Hinzu kommt, dass sie die Zinssätze seit dem 4. Februar mehrmals anhob, ohne damit den Wertverlust des Dollars zu stoppen.

Geht man davon aus, dass das moderate Wachstum kein überschiessen und keine Preisschübe provoziert, so dürften die jüngsten Kursverluste nur die letzte Runde einer kurzlebigen Kreisbewegung darstellen und nicht etwa den Start einer unheilvollen Entwicklung, wie die Autoren des "Value Line Investment Survey" vermuten. Diese Vermutung würde sich aber nicht bestätigen, sollten die Commodity-Preise markant anziehen und das Handelsbilanzdefizit weiterwachsen. Als Folge inflationärer Tendenzen sähe sich das Fed doch noch gezwungen, den Geldhahnen zu schliessen. Dazu "Value Line": "Wir sind der Meinung, ein langsamer Wirtschaftsmotor verringert den Druck auf den Rohstoff-Preisen und den Appetit nach Importgütern, so dass seitens des Fed keine dramatischen Aktionen nötig sind."


Erschienen in der Handelszeitung am 7. Juli 1994

Claude Chatelain