Die Tage des Gemischtwarenladens könnten gezählt sein

Bis vor wenigen Jahren verhielt sich ITT gegenüber dem Aktienkurs mehr oder weniger gleichgültig. Seit aber der Verwaltungsrat auf Druck der Aktionäre eine neue Gehalts- und Kompensationsregelung definierte, scheint plötzlich der Aktienkurs das einzig Wahre zu sein. Dazu reissen Gerüchte ueber eine Aufteilung des Sammelbeckens verschiedenster Unternehmen nicht ab.

Vielreisende mögen ITT als Muttergesellschaft der Sheraton Corporation kennen, vor allem da die Hotelkette seit ein paar Jahren die drei Buchstaben ITT vor den Namen setzt. Sheraton ist zwar eine der grössten ihrer Branche, steuert aber bloss 5% an den Gesamtumsatz bei. Doch der wichtigste Umsatzträger ist mit einem Anteil von 46% die Hartford-Versicherung, gefolgt vom Bereich Finanzdienste mit 18%, internationale Adressbücher und Autoteile mit je 11%, Produkte zur Kontrolle von Flüssigkeiten mit 6% sowie Elektronik und Rüstung mit 3%. Im März 1993 trennte sich ITT von der Holz- und Papierfabrik Rayonier. Man begründete diesen Schritt mit der Strategie, sich auf Wachstumsbereiche mit höheren und schnelleren Renditen zu konzentrieren. Wohl sass Rayonier auf einem gesunden finanziellen Sockel und wies einen starken Cash-flow aus, doch brauchte es einige Zeit, bis die hohen Investitionen einen angemessenen Return erwirtschaften. Im Vergleich zu den verbleibenden Geschäftsbereichen erwies sich Rayonier's Business als sehr kapitalintensiv und zyklisch. Doch der "Spin-Off" von Rayonier ist nur einer von vielen: Im Verlaufe der letzten 15 Jahre trennte sich ITT von insgesamt 250 Bereichen, was dem Aktienkurs von ITT zusätzliches Leben verleiht.

Steter Wandel

Zudem reissen die Gerüchte nicht ab, wonach Chairman, President und Chief Executive Officer Rand V. Araskog das Konglomerat in drei unabhängige Unternehmen aufspalten will: in eine Finanz- und Versicherungsgesellschaft, ein Fabrikationsunternehmen in den Sparten Autobestandteile und Rüstung sowie in die Sheraton Corporation. Von einer solchen Aufspaltung würden die Aktionäre enorm profitieren. Jack Modzelewsky von PaineWebber errechnete ITTs Aufspaltungswert auf 115 Dollar die Aktie, 37% über dem heutigen Kurs von rund 84 Dollar.

Nicht nur die Aktionäre, auch der 62jährige Araskog und seine Leutnants würden von einem solchen Vorhaben profitieren. Nach der neusten Kompensationsregelung werden dem Top-Management Aktienoptionen gutgeschrieben, sobald der Kurs auf über 104 Dollar klettert. Noch vor wenigen Jahren geriet Araskog von Aktionärsgruppen heftig unter Beschuss, weil er trotz der lethargischen Kursentwicklung fürstliche Entschädigungen und Kompensationen einstrich. 1990fiel der Aktienkurs um 20% und der Betriebsgewinn um 30%, wogegen Araskog sein Einkommen verdoppelte. Man sanktionierte darauf neü Vertrags- und Entschädigungsregelungen, so dass nun ITT im Urteil dieser selben Aktionärsvereinigungen plötzlich zu einem Vorzeigemodell wurde. Offensichtlich legt das Management nun eine ganz neü Haltung an den Tag: Die Börse quittierte diese neü Entwicklung mit einem Kursanstieg von 46% in zwei Jahren.

Uneinheitliche Signale

Die Analysten sind sich nicht einig, inwieweit diese Kursentwicklung von fundamentalen Faktoren bestätigt wird. Wohl hat sich das Unternehmen seit dem schwachen 1992 erholt, als hohe Abschreibungen vorgenommen und rote Zahlen geschrieben werden mussten. Im letzten Jahr konnte ein Reingewinn von 910 Mio Dollar ausgewiesen werden, bei einem Umsatz von 22,7 Mrd Dollar. Auch im laufenden Geschäftsjahr dürften in den wichtigsten Bereichen markante Gewinnsteigerungen erzielt werden. Die Automobilindustrie erfreut sich nach wie vor einer regen Nachfrage, wovon ITTs Fabrikation von Autobestandteilen profitieren wird. Auch die amerikanische Hotelindustrie hat die üblen Zeiten hinter sich: Sheratons Belegungsrate und der durchschnittliche Zimmerpreis liegen 1994 über den Vorjahresmonaten. Im weiteren dürften sich der kürzlich erfolgte Kauf der italienischen Ciga-Hotels und der im letzten Jahr erfolgte Eintritt ins Casino-Business positiv zu Buche schlagen. Schliesslich beklagt sich die Schaden- und Unfallversicherung Hartford über schwache Preise. Insgesamt war die Kapitalrendite in den letzten drei Jahren rückläufig, und die Betriebsmarge der diversen Töchter liegt mehrheitlich unter den vor der Rezession erzielten Werten.

Doch kein Gerücht?

Dass nun der Aktienkurs derart in die Höhe kletterte, obschon die betrieblichen Kennziffern einen umgekehrten Verlauf verhiessen, wird von gewissen Analysten mit Araskogs neür Strategie begründet, sein Augenmerk stärker auf den Kurs als auf betriebliche Daten zu richten. Als Araskog im Februar 1992 eine Aufspaltung von ITT in Aussicht stellte, schnellte der Kurs um 9% in die Höhe. Gut zwei Monate später verlautete die Firma, 25 Mio Aktien zurückzukaufen, worauf der Titel weitere 5% zulegte. Im September dieses selben Jahres wurde Robert Bowman, früherer Schatzsekretär des US-Gliedstaats Michigan, als Finanzchef eingestellt, damit sich die Beziehung zur Wall Street verbessere. Wenn man den ITT-Chart betrachtet, so scheint der neü Mann bisher einen guten Job geleistet zu haben. Was immer an wichtigen Neürungen zu vermelden war, wusste den Kurs in die Höhe zu treiben: von der grundlegenden Restrukturierung über den Einstieg ins Casino-Business bis zum Ausstieg aus dem Papier- und Holzbereich.

Noch muss man sich an den Umstand gewöhnen, dass ITT plötzlich mit steilen Kurskurven aufwartet. Von 1979 bis Ende 1991 hinkte ITTs Titel hinter der Entwicklung von Standard & Poors 500 nach. Und wenn sich die Beobachter nicht täuschen, ist die Aufspaltung von ITT nicht bloss herbeigeredet, sondern die letzte Amtshandlung Araskogs vor seiner Pensionierung in drei Jahren. "Es wird keinen Nachfolger von Araskog geben", meint Paine Webbers Modzelewsky in "BusinessWeek", "mit ITT verhält es sich wie mit der Desintegration der Sowjetunion."

Erschienen in der Handelszeitung am 9. Juni 1994

Claude Chatelain