Die Stadt der hundert Museen bietet allen etwas

Skyline von Montreal
Skyline von Montreal

Montreal ist eine europaeische Stadt Nordamerikas. Diesen Eindruck bestaetigt sich vor allem dann, wenn man von den USA angereist kommt. Und sollten sich im nachfolgenden Artikel keine Anglizismen einschleichen, so will man damit einem wichtigen Grundsatz der Provinz Quebec Rechnung tragen.

Wer im "Westin Mont-Royal" absteigen will, der frage nach dem "Les Quatre Saisons". Taxichauffeure und andere "Montrealais" haben noch nicht alle mitbekommen, dass das Luxushotel an der Rue Sherbrooke auf den 1. April 1994 die Betriebsgesellschaft ausgewechselt hat. Vielleicht wollen sie es nicht wahrhaben. Selbst der Portier sagte als Willkommensgruss "Bienvenue au Quatre Saisons". Zwei Wochen waren ihm nicht lange genug, den Abbruch einer bald zwanzigjährigen Tradition zu verdauen. Doch ausser dem Namenswechsel sollten keine grossen Veränderungen vorgenommen werden.

 

Belegschaft und Management wurden von den neuen Betreibern gleich übernommen. Der Freiburger Kuno Fasel, der seit 11 Jahren das 300-Betten-Hotel leitet, sorgt höchstpersönlich dafür, dass die Kontinuität anhält. Der im freiburgischen Tafers geborene und aufgewachsene Kuno Fasel will demnach auch dafür sorgen, dass das Haus die erste Adresse Montreals bleibt. Er hält nichts von Schokoladen auf dem Kopfkissen. "Auf den Service kommt es an. Wenn jemand um drei Uhr morgens den Veston gebügelt haben will, dann soll man das bieten können", beschreibt er seine Geschäftsphilosophie. Die Stärke seines Hotels liegt demnach im kompletten Angebot, indem eben praktisch alle Wuüsche erfüllt werden koennen. Man muss sie bloss bekanntmachen. Ein Plus ist auch das "Studio de Sante", was man ausserhalb von Quebec Health-Club nennen würde, mit den neusten Geraeten, einer Sauna und einem geheizten Pool im Freien. Es ist das beste der Stadt.

 

"Cage aux Sports"

 

Zwei Häuserblocks vom Westin entfernt liegt das "Ritz-Carlton Kempinsky. Doch einen Moment! Ist das nun ein Ritz-Carlton oder ein Kempinsky" oder ein Joint-venture dieser beiden Hotelketten? Die Antwort: Es ist ein von Kempinsky betriebenes Hotel mit dem Namen Ritz-Carlton und hat demnach mit der amerikanischen Luxuskette Ritz-Carlton nichts zu tun. Vertreter der lokalen Tourismusindustrie wollen indes festgestellt haben, dass die Leistung dieser Luxusherberge in den letzten zwei Jahren etwas nachgelassen hat.

 

Das dritte Hotel der höchsten Güteklasse heisst "Vogue", ein erst dreijähriges Boutique-Hotel mit 150 Zimmern, an der Rue de la Montagne gelegen. Diese drei Hotels liegen nur wenige Fussminuten von der Rue Crescent entfernt, einer der bekanntesten "Ess-Strassen" Montreals. Man findet dort unter anderem das "Les Halles", eines der besten französischen Restaurants der Stadt. Wem der Sinn nach Pizza steht und wer das Spesenbudget nicht strapazieren will, sei das "Pizzaiolle" empfohlen.

 

In Montreal gibt es drei Pizzerias dieser Marke, eine davon an der Rue Crescent. Ebenfalls an dieser mit alten Häusern gesäumten Strasse liegt das "Hard Rock Cafe". Wohl nicht unbedingt eine Adresse für den geschniegelten "Homme d'affaires", doch kann man dort allenfalls Geschenkwünsche halbwüchsiger Töchter und Söhne erfüllen, sind doch die T-Shirts und Hüte dieser in diversen Metropolen zu findenden In-Kneipen hoch im Kurs.

 

Ein anderer aufstrebender Restaurant-Bezirk liegt an der Rue St.-Denis, dem Quartier Latin Montreals. Dort sind vor allem Bistros französischer Art zu finden, zum Beispiel das "Le Cherrier". An der Rue Prince Arthur bieten sich eine Reihe griechischer Restaurants an. Wer sich indessen unters Volk mischen moöhte, ist mit den diversen "Cage aux Sports" gut bedient; Sportbars mit Grossbildschirmen, billigem, aber kalorienträchtigem Essen. Besonders eindrücklich natürlich, wenn ein Eishockey-Spiel der "Canadiens" übertragen wird.

 

Möchte man indessen den Geschäftspartner in die schweizerische Gastronomie einführen, dann drängt sich der Besuch des Restaurants "William Tell" gleich um die Ecke des "Westin" geradezu auf. Das Signet mit dem Schweizer Kreuz ist an der Rue Stanley nicht zu übersehen. Der im Stadtberner Quartier Buempliz aufgewachsene Dieter Pikert bietet dort Schweizer Spezialitäten vom Fondue bis zum Zürcher Geschnetzelten an.

 

Ungewöhnliche Altstadt

 

Auch der Wirt des "Le Vieux Saint-Gabriel" ist Schweizer: Marc Bolay aus Genf. Er bietet einheimische Küche mit helvetischem Einfluss an. Es ist nicht unwichtig zu erwähnen, dass es sich beim "Le Vieux Saint-Gabriel" um das älteste Restaurant Nordamerikas handelt, 1754 eröffnet, allein schon deshalb eine Sehenswürdigkeit. Hinzu kommt, dass sich dieses ehrwürdige Haus in einer fuer Nordamerika ungewöhnlichen Altstadt befindet. Man darf daran erinnern, dass die Gründung der Stadt Montreal ins Jahr 1642 zurückgeht. In der Altstadt - genannt Le Vieux-Montreal und nicht etwa Downtown - findet man an der mit Pflastersteinen belegten Rue Saint-Paul etliche weitere Bistros, die vor allem durch ihre Ambiance überzeugen.

 

Montreal ist übrigens ganz allgemein mit Sehenswuerdigkeiten reich gesegnet. Wenn es die Agenda zulässt, sollte man eine Stadtrundfahrt buchen, zum Beispiel die dreistündige für 24 Dollar. Eine Empfehlung, die man zum Beispiel in US-Städten nur selten abgeben kann. Doch Montreal ist im Vergleich eine Stadt mit stark europäischem Charakter. Das äussert sich unter anderem darin, dass auch abends überall in der Stadt die Leute auf der Strasse weilen, wogegen die amerikanischen Staedte nach Einbruch der Dunkelheit über weite Teile ausgestorben sind, vor allem in den Downtown-Aereas.

 

Allerdings sind in Montreal die Strassen nur während der wärmeren Jahreszeit belebt. Da die Stadt auf dem 45. Breitengrad ausgesprochen lange und kalte Winter kennt, findet das Leben oft im Untergrund statt. Wie man zu erzaälen weiss, gibt es Leute, die auch winters nur selten Wintermäntel tragen. Der Aufzug bringt sie morgens in die geheizte Tiefgarage. Mit dem Wagen geht's dann in die Tiefgarage des Büros, welche in manchen Fällen mit einer der vielen Untergrundstädte mit ihren Restaurants und Läden verbunden ist, so dass man sich der Unbill des Wetters nicht auszusetzen hat.

 

Ökosysteme unter einem Dach

 

Eine der eindrücklichsten Sehenswürdigkeiten ist wohl die 1824 erbaute Notre Dame. Der Besuch der Basilika könnte man gleich mit dem Besuch des "Le Vieux Saint-Gabriel" und einem Bummel durch die Altstadt verbinden. Das "Stade Olympique" mit dem sich schraeg ueber das Stadion neigenden Turm ist das Wahrzeichen der Stadt. An diesem Turm und Aussichtspunkt ist das Dach des Stadions aufgehängt. Es ist der Heimplatz der Baseball-Mannschaft Expos. Gleich neben dem Olympiastadion befindet sich der botanische Garten, der zweitgroesste der Welt, sowie das Biodome, nach Meinung mancher Experten die wertvollste Attraktion der Stadt. Unter dem Dach des fuer die olympischen Spiele gebauten Velodromes hat man vier verschiedene Ökosysteme Amerikas eingebaut. Pierre Brodeur, Directeur General der Hotelfachschule Quebecs, ist der Meinung, man sollte auf die Stadtrundfahrt verzichten und den freien Nachmittag im Biodome verbringen. Es gibt auf dem Globus immer mehr nachgebaute Ökosysteme, doch nirgends vier unter dem selben Dach.

 

Montreal nennt sich die Stadt der hundert Museen. Ob es wirklich hundert sind, konnte der Concierge nicht bestaetigen. Doch obschon er unbedingt einen Besuch des Musee des Beaux Arts ans Herz legte, sei hier das "Centre d'histoire de Montreal" erwaehnt, welches vor drei Jahren in einem alten Haus der Feuerwehr in der Altstadt eroeffnet wurde. Die Erklaerungen erfolgen mit interaktiven Methoden. Eine moderne und unterhaltsame Art, Geschichte zu kommunizieren.

 

Fuer den Concierge gibt es nur das Taxi oder Schusters Rappen. Fuer gewisse Strecken waere aber auch die Metro zu empfehlen. Wohl weist sie nicht den Prunk der Moskauer Untergrundbahn auf, ist aber weit sauberer, offener, heller und freundlicher als die meisten Subway-Systeme Nordamerikas. Sie gilt auch als völlig ungefährlich. Allerdings ist die Metro mit ihren vier Strecken alles andere als flächendeckend. Doch gerade abends, den man vielleicht im Arts Center oder in der Gegend der St. Laurent Street verbringen moechte, ist wohl die Fahrt mit der Metro für 1.75 kanadische Dollar durchaus in Betracht zu ziehen.

 

Wer nur wenige Stunden in Montreal zu tun hat und dann gleich weiter in die Vereinigten Staaten reist oder sich von den USA auf der Rückreise befindet, muss seine US-Dollar nicht unbedingt in kanadische Dollar wechseln. Der "Greenback" wird überall an Zahlungs Statt angenommen, wo man nicht mit Plastikgeld bezahlen kann, allerdings zu einem Kurs von eins zu eins.

 

Erschienen in der Handelszeitung am 19. Mai 1994

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Claude Chatelain