Hauruck- und Vorwärtsstrategie der Netzwerkprofis

Bill Gates in früheren Jahren
Bill Gates in früheren Jahren

Der weltweite Software-Markt wächst und wächst. Auch 1994 wird da keine Ausnahme machen. Die International Data Corp. rechnet mit einem globalen Wachstum von 12,1%, womit das letztjährige Resultat von 11,5% sogar noch übertroffen würde. Profitieren werden in erster Linie die amerikanischen Hersteller mit ihrem Weltmarktanteil von 75%.

Microsoft - und dann lange nichts mehr. Danach eine Gruppe etwa gleich grosser Hersteller. So sah lange Jahre das Bild der amerikanischen Software-Industrie aus. Geht es aber nach dem Willen von Novell-Chef Ray Noorda, wird sich dieses Bild drastisch ändern. Dann soll Marktführer "Bill Gates & Co." tüchtig eingeheizt werden - und zwar von Noorda selbst. Ende März hat die in Provo im Mormonenstaat Utah domizilierte Novell Inc. gleich zwei Firmen aufgekauft. Einerseits die auf Anwendungsprogramme der Textverarbeitung spezialisierte WordPerfect Inc. aus dem Nachbarstädtchen Orem, sowie die "Spreadsheet-Firma" Quattro Pro aus dem Hause der Borland International Inc., Scotts Valley, Kalifornien. Mit diesen 1,4 Mrd Dollar teuren Akquisitionen strebt Novell einen Umsatz von über 2 Mrd Dollar an. Der liegt zwar immer noch hinter den 3,7 Mrd Dollar der Microsoft, doch klar an zweiter Stelle. "Keine Frage", so der 69jährige CEO Raymond Noorda in Zeitungsinterviews, "unser grösster Konkurrent heisst Microsoft."

"Big" ist aber nicht immer "beautiful", wie man offenbar auch an der Wall Street denkt. Am Tage nach der Heiratsanzeige fiel Novells Kurs um 16% auf 20 Dollar. Die Beobachter fürchten, Novell könnte sich im Eifer, Microsoft nachzuahmen, überladen. Es wird moniert, die Firma wäre besser beraten, sich aufs Stammgeschäft der sogenannten "Local ära Networks" oder LAN, in welchem übrigens auch die amerikanische Ascom-Tochter Timeplex tätig ist, zu konzentrieren. Auf der anderen Seite hat Novell allen Grund, dem Riesen aus Redmond im US-Staat Washington die Zähne zu zeigen. Microsoft gräbt nämlich Novell mit Windows NT das Wasser ab. Denn das Produkt enthält Netzwerk-Elemente, welche Novell's NetWare überflüssig machen.


Noordas dritter Flop?

Beobachter sind sich unschlüssig, ob strategische oder doch eher persönliche Motive zu Novells Vorprellen führten. Die persönliche Rivalität zwischen Gates und Noorda ist kein Geheimnis. So hat Noorda bereits zwei Akquisitionen getätigt, mit welchen er nicht eben Beifall erntete. So kaufte er 1991für 80 Mio Dollar Digital Research Inc. ein. Die Firma steht mit ihren Betriebssystemen in direktem Wettbewerb zu Microsofts MS-DOS. Und ein Jahr später zahlte Novell 350 Mio Dollar für AT&T's Unix System. Das Produkt von Digital Research, DR-DOS, macht nur einen Bruchteil des Umsatzes aus - auch das Unix-System wird kaum genutzt. Im März dieses Jahres erhielt Sun Microsystems Inc. für 83 Mio Dollar eine permanente Lizenz zur Nutzung von Unix-Ware. Damit erhält Sun Zugriff zu einer Software, für welche Novell zwei Jahre zuvor 350 Mio Dollar bezahlte. Novell gibt zudem mit dem Einstieg in die Anwendungssoftware ihre Neutralität ab. Das heisst, man steht mit Firmen im direkten Wettbewerb, welche man eigentlich für die Adoption von Novells Netzwerk-Standards gewinnen möchte.

Da Novells Hauptprodukt NetWare mit einem Umsatzanteil von 75% unter den Erwartungen blieb, sind Beobachter der Meinung, Schuster Novell hätte bei seinen Leisten bleiben sollen und die ganze Kraft in die Produktion von Software für die Vernetzung von Personalcomputern und Workstations einsetzen müssen. Doch es gibt auch andere Stimmen, die besagen, man sollte auf dem Netzwerk zwischen Computern nicht nur Daten, sondern ganze Programme austauschen können. Damit würde die Unterscheidung zwischen Vernetzungs- und Anwendungssoftware hinfällig. Falls dies eintrifft, macht Novells Diversifikation in den Bereich Anwendungs-Software durchaus Sinn.


Marktausweitung als Chance

Wer sich nun aber auf einen Zweikampf Microsoft versus Novell freut, darf Lotus Development Corp. nicht aus dem Auge verlieren. Auch dieser Software-Hersteller aus Neu-England balgt sich mit Marktführer Microsoft. Vor fünf Jahren konzentrierte sich Lotus auf eine neü, nebulöse Software-Kategorie, genannt Groupware. Dies als Antwort auf die zunehmende Vernetzung von Personalcomputern. Groupware bildet dabei gewissermassen den Leim, der die einzelnen Subjekte zusammenhält. Es sind Applikationen, die einen optimalen Informationsaustausch und eine optimale Kommunikation zwischen den einzelnen Mitarbeitern ermöglichen. Was anfänglich ein risikobeladenes Unterfangen schien, mauserte sich für Lotus zu einem 200-Mio-Dollar-Business. So meinte Lotus' Marketingchef Cliff Conneighton, die wichtigste Applikation der 90er Jahre sei jene, welche eine besser Zusammenarbeit der einzelnen Leute garantiere. Er scheint mit dieser Meinung nicht alleine zu sein. Denn Microsoft hat eben eine Palette neür Produkte angekündigt, welche genau in diese Richtung zielen.

Doch dürfen die Revierkämpfe zwischen Novell und Microsoft respektive Lotus und Microsoft nicht darüber hinwegtäuschen, dass es der Software-Industrie insgesamt gut geht. Sie hat die vergangene Wirtschaftsschwäche sehr gut überstanden. Sie hat sowohl Merkmale einer zyklischen wie auch einer antizyklischen Industrie. Da die US-Wirtschaft während Konjunkturflauten jeweils die ganze Kraft in Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen zu verwenden pflegt, finden Software-Firmen für ihre neüsten Produkte (meistens) Absatz. Aber auch bei anziehender Konjunktur sind Software-Applikationen begehrte Artikel. Der Wettbewerb verschärft sich auf allen Ebenen, so dass Effizienzfortschritte mit überlebensübungen gleichzusetzen sind.

Bald sind es zwei Jahre her, seit das neue Aktienrecht in Kraft getreten ist. In dieser Zeit sind viele PS verschwunden, zahlreiche Einheitsaktien sind geschaffen und sehr viele Aktiensplits vorgenommen worden. Jüngste Beispiele sind etwa der Umtausch der Sandoz-PS in Namenaktien mit nachfolgendem 1:5-Split oder der 1:5-Split bei Bucher. Ziel dieser Splits ist es, die Liquidität und Handelbarkeit der Papiere an der Börse zu erhöhen.

Erschienen in der Handelszeitung am 11. Mai 1994



Claude Chatelain