Talk-Radios haben in den USA Hochkonjunktur

Seit das Fernsehen in den USA zum wahren "Glamour"-Medium aufgestiegen ist, wird das Radio oft übergangen. Dennoch sind die Rundfunkstationen nicht verstummt. Im Gegenteil: Gerade die Sprechradios sind besonders in Mode. Vor 25 Jahren praktisch unbekannt, haben die Talk-Radios die AM-Welle zu neuem Leben erweckt. Sie sorgen dafür, dass nicht nur im Radio, sondern übers Radio gesprochen wird.

Allein in New York gibt es um die zehn reine Talk-Radios.
Allein in New York gibt es um die zehn reine Talk-Radios.

Die Talk-Radios sind per Definition Radiostationen, auf welchen rund um die Uhr geschwatzt wird. Davon gibt es in den USA rund 400, Tendenz steigend. Höchstens der Soundtrack einer Reklame oder ein Signet, etwa zu Beginn der Nachrichten, kennt einige musikalische Klänge. Damit hat es sich. 1985 zählte man in den USA 282 reine Talk- resp. Nachrichtenstationen. Heute dürften es über 400 sein, deren zehn allein in New York City. Im Vergleich zu den landesweit 10 000 Rundfunkstationen fristen die Talk-Radios zahlenmässig ein Schattendasein. Trotz dieser relativ bescheidenen Grösse haben sie das Radio als Medium wiederbelebt und den AM- Frequenzen, einst vom Aussterben bedroht, zu neuer Blüte verholfen. Laut Michaell Harrison, Herausgeber des Fachblattes "Talkers", wird die Anzahl Talk-Radios weiterhin zunehmen und in 20 Jahren die Musik im Rundfunk zur Bedeutungslosigkeit degradieren. Wer Musik hören will, so Harrison, tü dies über andere Kanäle.

 

Am Puls des Volkes

 

Wer nun von Talk-Radios spricht, denkt nicht unbedingt an die 24stündigen Nachrichtensender, sondern an ein ganz bestimmtes Programmuster, bei welchem der "Host", der Gastgeber, hinter dem Mikrophon sitzt und zu allen möglichen Themen Hörerfragen und Kommentare entgegennimmt. All das würde keine hohen Wellen schlagen, hätten diese Sendungen nicht ein politisches Format angenommen und in gewissen Bereichen Macht ausgeübt. Wer den Puls am Volk fühlen will, der hört diesen Talk-Shows zu. Dort diskutiert man das Flüchtlingsproblem in Haiti, das Gerichtsurteil von Boxchampion Mike Tyson, das Engagement der US-Armee in Somalia und im letzten Jahr vor allem das Geplänkel rund um den Wahlkampf.

 

Das Zuschaürprofil wird als patriotisch, antielitär, regierungsunfreundlich und "anti-big-business" umschrieben. So hört man Diskussionen, wie sie bisweilen am Biertisch, im Coffee- Shop oder im Gemüseladen geführt werden: grob, unsanft, profan, amüsant. Ein jeder ist ein kleiner Politiker und Debattierer. Das Talk-Radio ist das einzige Medium, bei welchem der vielbeschworene Mann von der Strasse eine Stimme hat. Um nämlich bei einer Zeitung einen Leserbrief abdrucken zu lassen, braucht man entweder einen bekannten Namen oder viel Glück.

Bob Grant - sein Wissen ist beachtlich, sein Stil hingegen bedenklich.
Bob Grant - sein Wissen ist beachtlich, sein Stil hingegen bedenklich.

Die Moderatoren solcher Sendungen geben sich nur ganz selten neutral. Oft machen sie zu Beginn der Sendung in einem mehrminütigen Monolog ihren Standpunkt klar. Und da ausgewogene Meinungen kaum Anlass für hitzige Debatten geben, erfreuen sich die extremen Geister der höchsten Einschaltquoten. Bekanntes Beispiel liefert ein Rechtsextremer namens Bob Grant, der in New York jeden Werktag von 15 Uhr bis 19 Uhr auf WABC, dem Radioarm des berühmten Fernsehnetworks, zu hören ist - zu einer Zeit nota bene, zu welcher in den Strassenschluchten Manhattans die Autos Schutzblech an Schutzblech kleben, und Fahrerinnen und Fahrer kaum einer sinnvolleren Beschäftigung nachgehen können, als Radio zu hören. Bob Grant nimmt Hörerfragen zu den verschiedensten Themen entgegen. Sein Wissen ist beachtlich, sein Stil hingegen bedenklich. Er scheut sich nicht, gewisse Politiker aus dem demokratischen Lager mit einer Flut von Schimpfwörtern zu überschütten. Und wehe, es meldet sich ein Zuhörer, der sich als Liberaler entpuppt, oder eine Zuhörerin, die für die Emanzipation eintritt, dann wird ihm oder ihr über den äther der Kopf gewaschen. Bevor der oder die Gebeutelte antworten und sich verteidigen kann, hat Bob Grant die Verbindung jeweils bereits wieder unterbrochen.

Rusch Limbaugh, berühmter und berüchtigter Radio-Talker.
Rusch Limbaugh, berühmter und berüchtigter Radio-Talker.

Auf Frustration gebaut

 

Rush Limbaugh, dessen Show von 150 Stationen gesendet und täglich von 4 Mio Leuten gehört wird, ist in der Gesinnung etwa wie Bob Grant, im Stil weniger extrem, dafür etwas amüsanter. Sein Erfolg, wie er sagt, basiere auf der Frustration des Publikums, von den konventionellen Massenmedien ausgeschaltet zu werden. "Warum habe ich Erfolg?", so der streitbare Moderator in einem Fernsehinterview, "weil ich genau das formuliere, was die Leute immer wieder sagen wollen, was aber in den wichtigsten Medien nicht reflektiert wird". Rush Limbaugh hat sich derart einen Namen gemacht, dass er nun auch im Fernsehen täglich zu sehen ist.

 

Selbstverständlich gibt es auch Moderatoren aus dem anderen Lager. Etwa Bill Koch, der frühere demokratische Bürgermeister von New York, der auf WABC morgens zwischen 11 und 12 Uhr in der Sendung "Die Stimme der Vernunft" sein früheres Hobby zum Teilzeitjob machte. Doch der grössere Teil dieser Hosts neigen zur konservativen Philosophie. Insofern können sie den Bürger, die Bürgerin, besser repräsentieren als die Print-Medien, welche tendenziell liberaler gesinnt sind als das Volk.

James Florio, der Gouverneur von New Jersey, musste sich dem Druck der mächtigen Radio-Talker beugen.
James Florio, der Gouverneur von New Jersey, musste sich dem Druck der mächtigen Radio-Talker beugen.

Die Beobachter streiten sich darüber, ob die Hosts vom Schlage eines Bob Grant oder Rush Limbaugh nur den öffentlichen Unwillen spiegeln oder ihn auch tatsächlich nähren. Immerhin gibt es mindestens ein Beispiel, in welchem die bekanntesten Radiomacher vor den Sendungen miteinander telefonierten und mit grossem Aufheben einen flammenden Volkszorn gegen die Lohnerhöhung der Kongressmitglieder aufsteigen liessen. Die Parlamenterier hatten sich darauf mit den bestehenden Salären zufriedenzugeben. Das war 1989. Ein Jahr später hatte New Jersey's Gouverneur Jim Florio seinen Vorschlag zur Steuererhöhung nach unten revidiert, nachdem Tausende von entrüsteten Wählerinnen und Wähler auf WKXW in Trenton ihrem Unmut freien Lauf liessen.

 

Vor einiger Zeit haben die Talk-Radios den Politikern in Washington wieder einmal gesagt, wo's langgeht: Als Präsident Bill Clinton eine Frau als Justizministerin vorschlug, die es mit dem Gesetz nicht immer ganz genau nahm, zeigten anfänglich die Medien und auch die Mehrheit der Kongressmitglieder Verständnis für Zoe Baird, die mit der illegalen Anstellung eines ausländischen Au-Pair-Paares nur das gemacht hatte, was die meisten anderern auch tun. Die Zuhörer der Talk-Radios aber fanden keine Gnade und liessen an Deutlichkeit ihrer Meinung keine Zweifel offen. Zö Baird sah sich schliesslich gezwungen, auf die Nomination zu verzichten.

 

Wachsende Umsätze

  

Nicht alle Talk-Shows sind politisch motiviert. Die am 22. Februar 1922 gegründete WOR, New Yorks älteste Radiostation, bringt vorab Serviceleistungen. Sie führt Sendungen für Konsumentenfragen, für Anlegertips, Rechtsberatung oder alles, was mit Essen und Küche zusammenhängt. Ferner gibt es Sprechsender, die keine Talk-Shows austrahlen: Auf WCBS-AM kann man rund um die Uhr Nachrichten hören; WFAN-AM bringt täglich 24 Stunden Sport- nachrichten, Interviews oder Live-übertragungen und WMCA-AM widmet sich ausschliesslich religiösen Themen.

 

Mit dem zunehmenden Berühmtheits- und Berüchtigkeitsgrad dieser Talk-Radios werden die demographischen Grenzen aufgeweicht. Es melden sich in verstärktem Masse auch Zuhörer, die sich auf einem bestimmten Gebiet wirklich auskennen. Auch Top-Manager sollen des öftern mit dem Autotelefon das Studio anwählen. Wie etwa Michael Jackson von KABC in Los Angeles erzählt, führte er einst eine Debatte über die Neutronenbombe, worauf sich kurze Zeit später Sam Cohen, der Erfinder der Bombe, meldete. Er hatte sich beim Joggen im Walkman das Programm angehört und von der nächsten Telefonzelle promt angerufen.

 

Dass das Radio alles andere als vom Aussterben bedroht ist, zeigen auch die wachsenden Umsätze. Sie haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt, bei einem stagnierenden Anteil an den gesamten Werbeausgaben von sieben Prozent. Als die Infinity Broadcasting Corp. - mit insgesamt 18 Stationen die grösste Gesellschaft, die ausschliesslich im Radiobusiness tätig ist - im vergangenen Jahr die Sportstation WFAN-AM einverleibte, war ihr diese Akquisition 70 Mio Dollar wert - und das für eine Station mit einem jährlichen Cash-flow von 8 Mio Dollar.

 

Erschienen in der Handelszeitung am 3. Juni 1993

 

Claude Chatelain