Den Kabelnetzbetreibern erwächst eine ernstzunehmende Konkurrenz

Wer gewinnt den Kampf um die Telekommunikation der nächsten Generation?  In der einen Ecke sitzen die mächtigen regionalen Telefongesellschaften, auch "Baby bells" genannt, die mit ihrem Netz und ihren Schaltstationen innert Senkunden hunderte von Telefongesprächen rund um die Welt aufschalten können. In der anderen Ecke harren die hungrigen Kabelnetzbetreiber, deren Glasfaser-Leitungen (vorläufig) nur in der einen Richtung funktionieren, dafür aber hunderte von Video-Signalen zu transportieren vermögen.

Folgendes Szenario: Man kommt um 19.15 Uhr nach Hause, zu spät für die 1900-Uhr-Nachrichten. Also geht man zum Telefon und bestellt die Tagesschau für 19.45 Uhr. Dann, um 20.15 Uhr, möchte man sich die Fussballspiele vom Wochenende anschauen, beschränkt auf die wichtigsten Torszenen. Und für 21.00 Uhr wäre dann ein Film fällig, vielleicht etwas zum Lachen - warum nicht einen alten "Jerry Lewis"? All das programmiert man übers Telefon. Übermittelt wird es über die Telefonleitungen, und bezahlen tut man es mit der Telefonrechnung.

 

So etwa hört sich die Zukunftsmusik an. Aus technologischer Sicht könnte ein solches "Selbstbedienungs-TV" bereits morgen eingeführt werden. Doch die Investitionskosten sind beträchtlich. Die höchste Hürde aber ist im vergangenen Juli entfernt worden, als die Federal Communications Commission (FCC) ein altes Verbot aufhob und den Telefongesellschaften die Erlaubnis erteilte, Video-Signale zu übermitteln. Damit soll das Monopol der Kabelnetzbetreiber gebrochen werden. Bis jedoch die sieben regionalen Telefongesellschaften in den USA, die "Baby bells", für die Kabelbetreiber zu einem gefährlichen Konkurrenten werden, müssen sie ihre veralteten Kupferkabel durch moderne Glasfaserstrassen ersetzen, was mit einem geschätzten Investitionsvolumen von 100 Mrd bis 400 Mrd Dollar verbunden ist. Marktbeobachter gehen davon aus, dass die "Baby bells" frühestens in fünf Jahren in der Lage sein werden, den Kabelnetzbetreibern einzuheizen. Nun hat kürzlich die Bell Atlantic Corp. in Philadelphia, welche die Märkte in Virginia, Delaware, Maryland, Pennsylvania, New Jersey und Washington D.C. abdeckt, ein Verfahren vorgestellt, mit dem man mittels der bestehenden Kupferleitungen Video-Signale übermitteln kann. Die Technologie ist vom Forschungskonsortium Bellcore, das den sieben regionalen Telefongesellschaften gehört, entwickelt worden. Bereits im nächsten Sommer sollen im Rahmen eines Testversuchs 400 Angestellte der Bell Atlantic mit den entsprechenden Geräten ausgestattet werden. Der Benutzer kann dann mit dem Telefonapparat ein elektronisches Warenhaus, genannt "Video server", anwählen und Programm sowie Sendezeit eintippen. Theoretisch lässt sich aus einer unendlichen Fülle von Unterhaltungsserien, Dokumentarfilmen, Kinostreifen oder Sportveranstaltungen auswählen.

 

Kabelnetzbetreiber schlagen zurück

 

Das neue Verfahren ist nur eines unter vielen Experimenten, wie die "Baby bells" in Zukunft über bestehende oder neue Netze "Video auf Anfrage" anbieten wollen. Auch die Nynex Corp., die regionale Telefongesellschaft New Yorks, hat zusammen mit einem Partner einen Plan vorgestellt, wie man ausgewählten Kunden über neu installierte Glasfaser-Leitungen "Video auf Anfrage" offerieren will. Doch die Kabelnetzbetreiber - darunter so potente Grössen wie Time Warner oder Tele-Communications - schlafen nicht. Auch sie tüfteln an Technologien, um den Service für den Konsumenten zu verbessern. Bereits heute werden gewisse Attraktionen über "Pay-TV" angeboten. "Selbstbedienungs-TV" dürfte als nächstes kommen. Punkto Netzqualität sind die "Cable operators" den Telefongesellschaften voraus, doch mit der angekündigten Innovation von Bell Atlantic werden die Kabelnetzbetreiber sicherlich arg unter Druck gesetzt.Nun wird aber der Wettbewerb zwischen diesen beiden Industrien aller Voraussicht nach nicht allein bei der Übermittlung von Video- Signalen stattfinden, sondern auch bei der Transmission von Audio- Signalen. Dank neür Technologie soll es möglich sein, dass die Kabelbetreiber neben Video- auch Audio-Signale senden können. Noch stehen indes rechtliche Schranken im Weg; Beobachter gehen allerdings davon aus, dass diese regulatorische Barriere ebenfalls aus dem Weg geräumt werden dürfte.

 

Hoher Einsatz - hoher Preis

 

Ein Kampf der Giganten ist also angesagt. Dabei geht es nicht bloss um die Frage, wer den Telefonverkehr oder das Kabelfernsehen beherrscht. Die zentrale Frage heisst: Wer kontrolliert die nächste Generation von Kommunikationsleistungen in den Haushalten? - Neben dem "Selbstbedienungs-TV" erwartet man auch kabelfreie Faxgeräte und kabelfreie PC's. Noch herrscht aber Unklarheit über die damit verbundenen Kosten. Der anstehende Umbruch in der Telekommunikationbranche wird zweifellos nicht billig sein. Die Frage ist nur, ob er sich als preiswert genug erweist, damit der Konsument schliesslich willens ist, das Ganze auch zu bezahlen.

 

Die "Baby bells" steigen nicht nur gegen die Kabelnetzbetreiber in den Ring, vielmehr werden sie selbst von verschiedenen Seiten angegriffen. Da der Basis-Telefonverkehr infolge einer gesetzlich verordneten Preisstruktur zu untersetzten Preisen angeboten werden muss, bleibt den "Baby bells" nichts anderes übrig, als dieses Defizit mit höheren Preisen für die Zusatzleistungen auszugleichen. Damit aber ist die Saat für private Telefon-"Networks" gelegt, die solche Zusatzleistungen zu weit günstigeren Bedingungen anbieten können als die "Baby bells".Seit neustem sehen sich die sieben "Riesenbabies" - die meisten setzen über 10 Mrd Dollar um - auch noch von AT&T attackiert. Als der Fernmelderiese Anfang November die Übernahme von McCaw Cellular Communications vermeldete, notierten sämtliche "Baby bell"-Aktien tiefere Kurse. Für die Aufschaltung der Ferngespräche kassieren die "Baby bells" von den Fernmeldegesellschaften satte Gebühren. Doch AT&T schwebt vor, dass in Zukunft mit Taschentelefonen Ferngespräche geführt werden, womit die Telefongesellschaften umgangen würden."Der Wettbewerb stellt zum heutigen Zeitpunkt die grösste Herausforderung der 'Baby bells' dar", schrieb Valü Line in einer Analyse noch vor dem Überraschungsangriff von AT&T. Diese Einschätzung ist heute gültiger denn je. "Nun müssen die 'Baby bells' ihre Pläne für den Aufbau eines Glasfaser-'Networks' vorantreiben und in die Welt des Videos vorstossen", wie die Analytiker von Donaldson, Lufkin & Jenrette meinen. Die Telefongesellschaften selbst sehen sich vorerst veranlasst, all ihre lobbyistischen Register zu ziehen, um zusätzliche Freiheiten zu erlangen. Wenn AT&T ins lokale Business eindringt, müsse den "Baby bells" der Zugang zum Fernverkehr geöffnet werden, so lautet ihre Argumentation. Damit wird man morgen noch nicht rechnen dürfen, vielleicht aber übermorgen. Manches, was heute in der Telekommunikation bloss als Vision herumgeistert, ist morgen die selbstverständlichste Sache der Welt.

 

Die Perspektiven eines "Selbstbedienungs-TV" werden die Fernsehgewohnheiten verändern und damit auch die Werbebranche beeinflussen. "Keine Frage", so Michäl Conrad, President und Chief Creative Officer von Leo Burnett International in Chicago, "es wird immer schwieriger, den Konsumenten mit klassischer Werbung anzusprechen." In den USA macht die traditionelle Werbung nur noch 27% der Werbeausgaben aus - mit sinkender Tendenz. Demgegenüber nimmt die Bedeutung anderer Kommunikationsformen, wie Sponsoring oder "Event

marketing", zu. Dennoch dürfte die klassische Fernsehwerbung kaum verschwinden, denn schliesslich finanziert sie das Gratis-Fernsehen. Das "Selbstbedienungs-TV" hingegen wird den Benutzer einiges kosten; wieviel genau lässt sich heute noch kaum abschätzen. Während in europäischen Landen die Unterbrecher-Werbung immer mehr um sich greift, befindet sie sich in den USA bereits auf dem absteigenden Ast.

 

Erschienen in der SHZ am 17. Dezember 1992


Claude Chatelain